Andreas Freitag, Senior Manager und Blockchain Lead Austria bei Accenture, hat schon vor einigen Jahren sein „gelbes Wunder“ mit der Blockchain erlebt – und ist seitdem dabeigeblieben. © RNF

Interview mit Blockchain-Profi Andreas Freitag von Accenture

Wenn man den ganzen technologischen Schnickschnack weglässt, dann geht es bei der Blockchain vor allem um eines: nämlich Vertrauen.  Andreas Freitag ist der ausgewiesene Experte für Blockchain-Technologien beim Beratungshaus Accenture. Im Interview gibt er einen Überblick darüber, was eine Blockchain ist, wofür man sie überhaupt braucht und in welchen Bereichen sie ihre größten Potenziale entfalten könnte.

Herr Freitag, was ist eine Blockchain, kurz zusammengefasst?
Ich fange mit der für mich wichtigsten Eigenschaft einer Blockchain an: Mit einer Blockchain-Technologie, egal ob sie mit Bitcoin, Ethereum oder einer Private Blockchain realisiert wird, kann man die Unveränderbarkeit von Daten fixieren. Das ist die markanteste Eigenschaft der Techno­logie.
Meine Definition einer Blockchain ist: Sie ist eine geteilte, duplizierte und synchronisierte Trans­ak­tionsliste. Sie ist keine Datenbank, wie wir sie kennen, SQL oder NoSQL. Damit darf man sie nicht vergleichen. Man kann bestenfalls eine neue Datenbankkategorie aufmachen. Sie ist offen. Es gibt zumindest mehr als einen Schreibenden und einen Lesenden. Es ist also kein zentrales System, das einer in seiner Obhut hat. Was in diese Liste hineinkommt, bestimmt kein Mittelsmann, keine zentrale Stelle, sondern einzig und allein das Protokoll. Das technische Protokoll bestimmt, ob eine Transaktion gültig ist oder nicht. Außerdem sind die gespeicherten Daten bzw. Transaktionen eben unveränderbar.

Wie und wann sind Sie das erste Mal mit dem Thema Blockchain in Berührung gekommen?
Das ist eine interessante Geschichte. Ich bin im Waldviertel in einem 300-Seelen-Dorf aufgewachsen. Mein erster Traumberuf war Arzt. Der ist mit zwölf Jahren geplatzt, als ich eine Opera­tion im Fernsehen gesehen und erkannt habe, dass ich das nicht kann. Ich habe dann ganz normal das Gymnasium gemacht und wollte auch eine Lehre anfangen. Meine Eltern haben mich dann überredet, auf die HTL in Hollabrunn zu gehen – Elektrotechnik. Dort habe ich meine Matura gemacht, habe aber noch immer nicht gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ein Mensch, der Matura hat und nicht genau weiß, was er tun soll, studiert meistens. Es war quasi aufgelegt, dass ich an die WU gehe. Danach kann man ja alles tun, heißt es. Leider hat sich auch nach weiteren fünf Jahren nicht herausgestellt, was ich gerne machen würde. Deswegen bin ich in die Beratung gegangen, denn dort sieht man viel und lernt viel kennen.
Nach 13 Jahren in der Beratung, als ich bei ­Oracle war, habe ich einen Impulsvortrag von Marc Elsberg gehört. Marc Elsberg ist ein Science-Autor, der sich Technologiethemen schnappt und daraus Romane macht. Er ist in seinem Vortrag unter anderem auf autonome Organisationen und da­rauf, wie man wieder Herr über seine Daten wird, eingegangen – sehr abstrakt. Als gelernter ITler konnte ich das alles nicht glauben. Ich bin der Sache auf den Grund gegangen. Das Thema war eben Blockchain. Die Blockchain hat viele Vorteile versprochen, an die ich nicht geglaubt habe. Nach drei oder vier Monaten Beschäftigung mit der Materie – ich kann mich noch genau erinnern, es war zur Weihnachtszeit, als ich immer bis vier Uhr früh am Rechner gesessen bin und Dinge ausprobiert habe – hatte ich meinen Blockchain-Gänsehautmoment. Ich habe kapiert: Verdammt, so funktioniert das. Das ist genial! Ich war nicht von Cryptocurrency fasziniert, sondern eher von der Anwendbarkeit von Eigenschaften der Technologie, zum Beispiel im öffentlichen Bereich. Ein halbes Jahr später habe ich meinen Job bei Oracle an den Nagel gehängt und mich beruflich fulltime dem Thema Blockchain gewidmet, als Blockchain-Consultant. Meine Blockchain-Zeit beträgt jetzt auch schon über drei Jahre (lacht).

Ist das wie mit Hundejahren? Wie viel sind drei Blockchain-Jahre in Menschenjahren?
Wenn man so rechnen möchte, gibt es die Blockchain-Technologie erst seit Jänner 2009, mit der Installation des ersten Nodes. Sagen wir einmal, zehn Jahre sind 100 Jahre, dann sind es 30 Hunde­jahre (lacht).

War Ihnen damals schon klar, wie potenziell revolutionär die Blockchain wirklich werden könnte?
Die Faszination für die Anwendung im öffentlichen Bereich war da. Denn die De-facto-Unveränderbarkeit von Daten birgt geniale Anwendungsfälle in der Verwaltung von Gesellschaften und der Schaffung von Rechtssicherheit. Ob es eine Revolution wird, werden wir erst sehen. Momentan sind wir in der Hypephase, die schon ein bisschen abebbt. Auch das Internet war eine Revolution. Man sagt zwar Internet dazu, aber darunter liegen Protokolle wie TCP/IP, SMTP, etc. Ich hoffe, dass das Blockchain-Protokoll auch einmal so standardisiert sein wird und auch ein Baustein der Technologie der verteilten Systeme bleibt. Wie es dann Geschäfts- oder Gesellschaftsbereiche revolutionieren wird oder nicht, werden wir noch sehen.

Wozu brauchen wir die Blockchain überhaupt? Bisher sind wir ja auch ganz gut ohne zurechtgekommen. Wasser fließt, wir haben Strom …
Witzigerweise habe ich mir genau über diese Frage heute bei meiner Radausfahrt Gedanken gemacht. Ich hatte gestern einen Workshop, bei dem auch sehr kritische Geister dabei waren. Einer davon hat gesagt, er könnte das ja auch mit herkömmlichen Systemen machen. Das stimmt aber nicht. Ich kann mit herkömmlichen Systemen nicht die Eigenschaften einer Blockchain abbilden – sonst bräuchten wir sie wirklich nicht. Die Frage ist: Wie waschen Sie Ihre Wäsche?

Ich teile in 30- und 40-Grad-Wäsche, und dann tue ich sie in die Waschmaschine.
Genau, die Waschmaschine. Aber ich brauche keine Waschmaschine, ich kann auch mit der Hand waschen. Lesen Sie ein Buch bei Kerzenlicht oder im Licht einer Glühbirne? Sie können natürlich auch mit einem herkömmlichen System Ihre Ziele erreichen. Wasser fließt. Aber das impliziert, dass Sie jemandem vertrauen müssen. Sie müssen den entsprechenden Stellen vertrauen, dass sie Ihre Daten wirklich sorgfältig führen. Es sind immer Personen oder Gruppen, denen Sie vertrauen müssen. Mit der Blockchain-Technologie brauchen Sie nicht mehr zu vertrauen. Die Technologie bietet Ihnen diese Sicherheit. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Das gab es vor der Blockchain nicht in dieser Art. Es waren Dinge wie das Vier-Augen-Prinzip, abgesicherte Datenbanken und ein enormer Aufwand notwendig, und es war trotzdem nicht so sicher wie mit dieser Technologie. Natürlich funktionieren auch heute Banken, Zahlungen, Grundbucheinträge ohne Blockchain. Aber wenn ich ein besseres Tool habe, warum soll ich es nicht verwenden?

Das führt uns jetzt zwar weg von der Technologie, aber ist das in gewisser Weise ein Symptom der Gesellschaft? Gesellschaften basieren auf Vertrauen. Wenn wir jetzt eine Technologie haben, die es uns erspart zu vertrauen, kann man da einen Zusammenhang mit sinkendem gegenseitigem Vertrauen in der Gesellschaft – mit Blick auf die westliche Welt – herstellen?
Ich glaube, das ist falsch gedacht. Wir in Österreich, in unserer Generation, stellen die Instanzen, die im öffentlichen Bereich auf unsere Daten aufpassen, nicht infrage. Wir haben ein Grundvertrauen, das hat immer gepasst. Wenn man etwas weiter in den Osten und den Süden geht, sieht es mit der Rechtssicherheit komplett anders aus. Ein Symptom unserer Gesellschaft ist viel eher, dass wir vertrauen können. Diese Rechts­sicherheit, die wir hier haben, ist aber nicht selbstverständlich, wenn man sich andere Kontinente ansieht, wie zum Beispiel Südamerika, Afrika oder Teile von Osteuropa. Es ist also nicht so, dass wir diese Technologie unbedingt brauchen würden – weil das Vertrauen da ist. Aber man kann darüber nachdenken, ob es in 50 Jahren noch genauso sein wird.

Das heißt aber auf der anderen Seite, dass diese Technologie ihre volles Potenzial besonders in Entwicklungsländern entfalten kann. Ähnlich wie der Mobilfunk, der diesen Ländern zu einem Schub verholfen hat. Ist das bei der Blockchain ähnlich?
Wir sind jetzt sehr auf den öffentlichen Bereich fokussiert. Es gibt auch andere Bereiche, die ­relevant sind. Aber ja. Wenn zum Beispiel ein failed state (Anm.: gescheiterter Staat; ein Staat, der seine grundlegenden Funktionen nicht mehr erfüllen kann) endlich eine ehrliche demokratische ­Regierung bekommt, dann könnte man diese Registerverfahren und Systeme mit einer dezen­tralen Technologie in Wochen aufziehen. Wenn man im Gegensatz dazu ein System aufziehen würde, wie wir es haben, dauert es Monate wenn nicht Jahre. Bis dahin ist die Regierung vielleicht schon wieder korrupt oder weg. Wenn man die Tools schon hat, können andere Länder oder Organisationen die notwendigen Nodes (Anm.: Knotenpunkte in einem Blockchain-Netzwerk) zur Verfügung stellen. Mittels Handy-Apps könnten dann die fundamentalen Register schnell ­hochgezogen werden. Für solche Länder könnte es einen enormen Vorteil bringen, schneller ­Rechtssicherheit und Administrations-Tools her­zustellen.

Kommen wir wieder zurück nach Österreich. Welche Anwendungen der Blockchain sind ­hierzulande in naher bis mittlerer Zukunft ­realistisch? Wo würde die Bevölkerung davon überhaupt etwas mitbekommen?
Im Idealfall bemerkt es niemand. Technologie steht eigentlich im Hintergrund, Blockchain wird nur gerade mit dem ganzen Krypto-Wahnsinn gehypt. Ob Register, Datenaustausch oder Identitäten dann dezentral gespeichert werden, sollte der Bürger im Idealfall nicht merken. Es tut sich viel im Feld der dezentralen Identitäten. Man muss allerdings erst sehen, was dabei herauskommt, aber davon könnte man noch am ehesten etwas merken. Aber da reden wir von einer Zeitspanne von fünf bis zehn Jahren. Was jetzt passiert, merkt man weniger. Firmen setzen das eher für interne Prozess ein. Überall, wo es Clearings mit Partnern gibt, wird es zum Beispiel eingesetzt. Gerade im Handel gibt es große Themen, wenn es darum geht, eine große Menge von Verträgen in einer „single source of truth“ abzubilden. Im Payment-Sektor wird es vielleicht eine technische Revolution auslösen. Da geht es nicht um Bitcoin oder Ether, sonder darum, dass die jetzige Kartentechnologie vielleicht adaptiert oder abgelöst wird. In diesen Bereichen wird am ehesten etwas passieren. Es ist ein bisschen so wie 1994 mit dem Internet: Man weiß noch nicht genau, was sich in fünf oder zehn Jahren durchsetzen wird. Ich persönlich hätte 1994 niemals etwas wie Facebook auf dem Radar gehabt bzw. die Entwicklung von Amazon oder Google vorhergesehen. Genauso weiß man 2018 nicht, wie die Welt im Jahr 2028 aussehen wird und welchen Impact die Blockchain haben wird. Wenn ich das wüsste, würde ich nicht hier sitzen (lacht).

Aber fünf bis zehn Jahre sind der Zeitrahmen, mit dem man rechnen kann, bis die Technologie reif für den Einsatz sein wird?
Ja. Fünf bis zehn Jahre wird es meiner Meinung nach noch dauern, bis sie allgemein akzeptiert wird und kein Mythos mehr ist, sondern eine Technologie unter vielen, mit der man Probleme lösen kann.

Was ist das größte Missverständnis im ­Zusammenhang mit Blockchain, auf das Sie häufig stoßen?
Viele Leute kennen nur die Public Blockchains, wie etwa Bitcoin oder Ethereum. Die haben gewisse Einschränkungen: Sie sind sehr energie­intensiv, sie skalieren nicht und brauchen für die Verifikation, wie im Fall von Bitcoin, zehn Minuten. Diese drei Punkte tauchen in Gesprächen sehr oft auf, wenn es dann heißt, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde. Wenn man nur diese Public Blockchains betrachtet, dann stimmt das auch. Aber das große Feld der anderen Technologien, dutzender Frameworks, die man einsetzen kann, hat diese Limitierungen nicht. Hier besteht eine große Lücke zwischen dem, was die Leute wissen, und dem, was heute schon möglich ist. 2010 wären diese Vorurteile richtig gewesen, heute nicht mehr.

(red./rnf)

Dieses Interview haben wir für Sie aus unserem brandaktuellen „IT- & Digitalisierungs-Guide 2019“ entnommen. Diese 172 mit Informationen für Ihren Businessvorsprung vollgepackten Seiten im handlichen Format finden Sie hier. Am besten holen Sie sich aber gleich ein Abo – es wird sich für Sie lohnen!