Lange Genehmigungsverfahren verteuern laut oekostrom-Chef Strom © APA - Austria Presse Agentur

Der Vorstandschef der oekostrom AG, Ulrich Streibl, kritisiert die Tarifpolitik der Landesenergieversorger und des teilstaatlichen Verbunds. Deren 10-Cent-Tarife liegen laut Streibl unter den aktuellen Beschaffungskosten von 16 Cent netto pro Kilowattstunde (kWh) und "können in der momentanen Situation nicht wirtschaftlich sein" - und weil es sich um öffentliche Anbieter handle, "sind solche Tarife steuersubventioniert", kritisiert der Chef des Wiener Stromanbieters.

Diese 10-Cent-Tarife gebe es nur, weil diese "expliziter Wunsch der Politik" gewesen seien. "Ich halte das für keine gute Idee", sagte Streibl im Gespräch mit der Austria Presse Agentur (APA). Es sei nicht Aufgabe der Regierung, Strompreise oder Preise generell festzusetzen. "Das ist etwas, das dem Wirtschaftssystem sehr schadet." Insofern zeigte er sich erfreut, dass "wieder etwas energiewirtschaftliche Vernunft einkehrt" und die Tarife sich derzeit wieder etwas dem Marktniveau annähern.

Strom im Großhandel zuletzt wieder deutlich teurer

Strom war zuletzt aufgrund der Dürre und hitzebedingter Kraftwerksausfälle sowie hoher Gaspreise infolge des Iran-Kriegs im Großhandel deutlich teurer als noch vor einem Jahr. Auf die Endkundenpreise schlug das bisher aber nicht durch. Vergangene Woche hob der Verbund den Preis für Neukunden von 9,5 auf 10,0 Cent netto pro Kilowattstunde im ersten Vertragsjahr und von 12,5 auf 15 Cent ab dem zweiten Jahr an.

"Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren Strom um 10 Cent anbieten werden können - das ist ein Märchen und es ist unredlich, wenn vermittelt wird, dass es möglich wäre", so Streibl. 10-Cent-Tarife wären möglich, "aber dazu müssten wir die Erneuerbaren massiv ausbauen", so der oekostrom-Chef.

Deutschland genehmigt Windräder doppelt so schnell

Er zog einen Vergleich mit Deutschland, wo die Kosten für den Bau eines Windrads umgerechnet auf die Kilowattstunde auf 6 Cent gefallen seien, während es in Österreich 10 Cent seien. Die Kostenvorteile ergeben sich laut Streibl durch größere zusammenhängende Gebiete, die für Windenergie ausgewiesen wurden, und kürzere Genehmigungszeiten von zwei bis vier Jahren. "Deutschland schafft es, Windräder doppelt so schnell zu genehmigen wie Österreich, aber im Gesetz steht das Gleiche", vermisst Streibl den politischen Willen.

"Wir haben einen Landeshauptmann, der hat die Aussage getätigt: 'Ich hasse Windkraft' - wenn man mit dieser Einstellung an moderne Technologien herangeht, dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn keine Windkraft gebaut wird", kritisierte Streibl. "Ja, ein Windrad gefällt nicht jedem, aber ist es besser, teuren Atomstrom oder Gas zu importieren? Das glaube ich nicht", so Streibl.

oekostrom AG ist 1999 aus der Anti-Atom-Bewegung entstanden

Die oekostrom AG zählt mit rund 3.100 Kleinaktionären zu den größten Bürgerbeteiligungsgesellschaften Österreichs und entstand 1999 aus der Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung. Derzeit läuft eine Kapitalerhöhung, mit der bis zu 14 Mio. Euro an frischem Geld eingesammelt werden sollen, die unter anderem in eine große Photovoltaik-Anlage in Oberösterreich, in Windparks in Niederösterreich und einen Batteriespeicher im Burgenland investiert werden sollen.

Bis 30. September konnten bestehende Aktionäre neue Aktien zeichnen, seit 1. Oktober läuft eine Folgeemission für neue Aktionäre. Bei der vergangenen Kapitalerhöhung 2022 seien 900 neue Aktionäre, darunter auch deutlich jüngere Menschen, dazugekommen, so Streibl. Sonderkonditionen beim Strombezug gibt es für Teilhaber nicht. Das Angebot ist "fair und für alle gleich", sagte Streibl. "Wir vergüten unsere Aktionäre über Dividenden und die Steigerung des Unternehmenswertes, aber nicht über günstigeren Strom." 10-Cent-Tarife gibt es bei der oekostrom AG somit nicht einmal für deren Eigentümer.