Die Staatsverschuldung der führenden Wirtschaftsnationen wird nach einer Prognose der Industrieländerorganisation OECD in diesem Jahr einmal mehr einen Rekord erreichen. Damit wachsen auch die Sorgen in der Finanzwelt. Besorgnis löst vor allem der rasante Anstieg der US-Staatsverschuldung aus, die im August die Marke von 40 Billionen Dollar (rund 34,87 Billionen Euro) überschritt. Doch sind die USA keineswegs allein.
Seit 2007 hat sich die Staatsverschuldung der 38 OECD-Staaten verdreifacht: von 22,5 Billionen Dollar im Jahr 2007 auf 61 Billionen Dollar im Jahr 2025. Eine maßgebliche Ursache liegt in Washington: Die Verbindlichkeiten der USA sind in diesem Zeitraum von 9 Billionen auf 40 Billionen Dollar gestiegen. Im Schnitt mehrt sich die amerikanische Schuldenlast Tag für Tag um über sechs Milliarden Dollar, wie aus den Daten des US-Finanzministeriums hervorgeht.
Griesbach: "Schuldendynamik besorgniserregend"
"Die Schuldendynamik in den USA ist besorgniserregend", sagt Björn Griesbach, Chef der Kapitalmarkt- und makroökonomischen Forschung bei der Allianz Investment Management, einer Tochter des Münchner Dax-Konzerns. Die Allianz zählt mit einem verwalteten Vermögen von über zwei Billionen Euro zu den großen Kapitalanlegern auf dem Planeten.
Das US-Haushaltsdefizit dürfte in diesem Jahr bei rund 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen, sagt Griesbach, nahe historischen Höchstständen außerhalb einer Rezession. "Käme es zu einem konjunkturellen Einbruch, würde sich das Defizit nochmals deutlich ausweiten, ein Risiko, das ähnlich auch für Frankreich, Italien, Deutschland und Japan gilt."
Die absoluten Zahlen lassen die Lage allerdings dramatischer aussehen, als sie ist. Denn sie berücksichtigen weder Inflation noch Wirtschaftswachstum. Üblicherweise setzen Ökonomen daher die Staatsschulden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). In dieser Hinsicht sieht der Anstieg der US-Verschuldung etwas weniger furchteinflößend aus. Seit 2016 ist auch das US-BIP von 19 auf 32 Billionen Dollar gewachsen, wie Griesbach sagt. "Das hat geholfen, dass die Verschuldungsquote lediglich von 107 auf 124 Prozent gestiegen ist".
"Ein globales Phänomen"
In Relation zum BIP steht seit vielen Jahren Japan mit einer Schuldenquote von über 200 Prozent weltweit an der Spitze, wie beim Internationalen Währungsfonds (IWF) nachzulesen ist. "Die Entwicklung ist in der Tat ein globales Phänomen", sagt Allianz-Ökonomin Katharina Utermöhl. "Neben den USA sind insbesondere Japan, Frankreich, aber auch Deutschland zu nennen." Der Verschuldungsgrad der Bundesrepublik ist mit knapp 65 Prozent im globalen Vergleich nach wie vor niedrig, aber die Neuverschuldung hoch.
Besonders eindrucksvoll wächst die Verschuldung auch in China: Gemessen am Wirtschaftswachstum hat sich die dortige Staatsverschuldung laut IWF innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 50 auf voraussichtlich knapp 107 Prozent des BIP Ende dieses Jahres. Gleichzeitig ist die Verschuldung des Privatsektors - ohne Banken - 2025 auf eine extrem hohe Quote von 313 Prozent gestiegen. Chinas Exportoffensive ist auf Pump finanziert, viele Firmen schreiben rote Zahlen.
Es gibt keinen fixen Grenzwert für die Gefahr
Doch wie gefährlich ist diese Entwicklung? "Es gibt für die großen Volkswirtschaften keine Richtwerte, aus denen Ökonomen ableiten könnten, ab wann der Verschuldungsgrad wirklich problematisch wird", sagt der Würzburger Ökonom Peter Bofinger. "Japan ist das Beispiel für ein Land, das über Jahre mit einer Schuldenstandsquote von 200 Prozent und mehr leben kann." Der Großteil der durch die Verschuldung erzeugten liquiden Mittel werde von den Japanern gekauft und auch in Japan angelegt.
Ein Problem entsteht nach Bofingers Worten, wenn ein Land in einer fremden Währung verschuldet ist, oder das Geld aus dem betreffendem Land abfließt, die Währung abwertet und Inflation folgt. "Für die USA wäre es eine kritische Situation, wenn die globalen Investoren, die bisher den Dollar für eine sichere Anlage halten, Angst bekämen", sagt der Wissenschafter. "Das ist das Risiko." US-Anleihen gälten bisher im globalen Finanzsystem quasi als absolute Sicherheit.
Vertrauen in die USA nicht mehr unbegrenzt
Doch gibt es ein Indiz, dass das Vertrauen in die USA keineswegs unerschütterlich ist: Im August stieg die Verzinsung zehnjähriger US-Anleihen auf fünf Prozent, den höchsten Stand seit 2007, dem Jahr vor der globalen Finanzkrise. "Die hohen Zinsen für US-Staatsanleihen zeigen, dass auch für die USA die Bäume nicht in den Himmel wachsen", sagt Bofinger.
Die fiskalische Dynamik sei in einigen Ländern sicher bedenklich, meint Henning Potstada, Mitglied der Geschäftsführung bei der DWS. Der Vermögensverwalter der Deutschen Bank zählt ebenfalls zu den Schwergewichten des Finanzmarkts. Die USA hätten allerdings strukturelle Vorteile. Potstada nennt unter anderem den Dollar als globale Leitwährung, das hohe Potenzialwachstum der US-Wirtschaft und die Energieunabhängigkeit.
Zudem haben frühere Sorgenkinder wie Italien, Spanien oder Griechenland ihre Schuldenstände reduziert. Die fiskalische Dynamik in den USA sei zwar besorgniserregend und Besserung schwer zu erkennen, sagt Potstada. "Bis zu einer Weltschuldenkrise ist es aber noch ein langer Weg."
Für die meisten Menschen auf der Welt ist der Schuldenstand ihrer jeweiligen Regierung eine abstrakte Angelegenheit ohne Bezug zum Alltag. Wenn die große Katastrophe in naher Zukunft nicht zu befürchten ist, kann die Entwicklung Normalbürgerinnen und -bürgern am Ende schnurzegal sein?
Die Bürger leiden auch ohne die ganz große Krise
Nein, denn die Folgen sind sehr wohl zu spüren. Wachsende Schulden bedeuten steigende Zinszahlungen. Dieses Geld fehlt den Regierungen anschließend, sei es für Investitionen, Wohnungsbau oder Sozialleistungen. So werden sich nach Berechnung des Ifo-Instituts die Zinszahlungen in Deutschland bis 2030 von 50 Milliarden auf 100 Milliarden Euro im Jahr verdoppeln.
Regierungen könnten Ausgaben kürzen und/oder die Steuern erhöhen, doch beides ist unpopulär. Bleibt eine dritte Lösung, die direkt zu Lasten der Bürger geht: Erhöhte Inflationsraten, die den Wert des Geldes und der Schulden gleichermaßen mindern. "Signifikante fiskalische Einsparungen oder Steuererhöhungen sind in kaum einem Land zu erwarten in Anbetracht anstehender Wahlen und steigenden Populismus", sagt Allianz-Ökonomin Utermöhl. "Langfristig scheint also ein Weginflationieren der Schulden auf dem ein oder anderen Weg die einzige Lösung."
(APA)