Auch wenn sich also das Gesicht des Arbeitsmarkts durch künstliche Intelligenz drastisch verändert, bleibt es dennoch menschlich. © KI-generiert mit Google Gemini
Künstliche Intelligenz hat die Automatisierung endgültig aus den Fabrikhallen in die Büros gebracht.
Das verändert die Art und Weise, wie wir in Zukunft arbeiten, hat Einfluss auf die Skills, die wir dafür brauchen, und verändert das Gesicht des Arbeitsmarkts grundlegend.
Die Anpassung an Veränderungen ist eine zentrale Fähigkeit des Homo sapiens. Der rasante Aufstieg von künstlicher Intelligenz, insbesondere generativer KI, ist eine solche Veränderung, die nicht zuletzt den Arbeitsmarkt mit hoher Geschwindigkeit transformiert. Während KI-Anwendungen immer komplexere Aufgaben übernehmen, verschieben sich die Anforderungen an Arbeitskräfte grundlegend. Aktuell sind vor allem bereits von KI geprägte Berufe betroffen – naheliegend. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hat im Rahmen ihrer Studie „AI Jobs Barometer“ anhand der Analyse von einer Milliarde Stellenanzeigen aus aller Welt versucht, die Auswirkungen von KI auf Jobprofile zu untersuchen und daraus Entwicklungen für den globalen Arbeitsmarkt abzuleiten.
Produktivität schafft Beschäftigung
Entgegen der häufig geäußerten Sorge, künstliche Intelligenz werde vor allem Arbeitsplätze ersetzen, zeichnet die Analyse ein differenzierteres Bild. Unternehmen in KI-intensiven Bereichen steigern ihre Produktivität stärker und bauen zugleich ihre Belegschaft schneller aus. Zwischen 2018 und 2025 stieg die Produktivität von Unternehmen mit hohem KI-Einsatz um 34 Prozent (geringer KI-Einsatz: 24 %). Parallel dazu wuchs die Zahl ihrer Beschäftigten um 52 Prozent, während Unternehmen mit geringer KI-Nutzung ihre Belegschaft um 36 Prozent ausbauten.
„Wir beobachten hier ein klassisches Muster der Wirtschaftsgeschichte. Auch die Industrialisierung hat kurzfristig Jobs verdrängt, langfristig aber deutlich mehr neue geschaffen, weil Produktivitätsgewinne Wachstum ermöglichen. Dieses Wachstum schafft wiederum neue Aufgaben und erhöht den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften“, ordnet Rudolf Krickl, CEO von PwC Österreich, die Ergebnisse ein.
Zweigeteilter Arbeitsmarkt
Gleichzeitig entwickelt sich weltweit laut PwC ein zunehmend zweigeteilter Arbeitsmarkt. Besonders dynamisch wachsen demzufolge sogenannte „Professionalised Roles“ – Berufe, in denen KI Routineaufgaben übernimmt, wodurch menschliches Urteilsvermögen, Fachwissen und Entscheidungsfähigkeit zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Diese Berufsgruppen nehmen weltweit mehr als doppelt so schnell zu wie „Democratised Roles“, in denen KI gewisse Tätigkeiten stärker standardisiert und dadurch auch für Nichtfachleute zugänglicher macht.
Um mögliche Auswirkungen für die Zukunft abzuleiten, nennen die Studienautor:innen die Einführung von Tabellenkalkulationen in den 1980er-Jahren als Beispiel: Während Excel & Co. viele Aufgaben in der Buchhaltung automatisierten und die Zahl entsprechender Stellen langfristig zurückging, eröffneten sie Finanzanalyst:innen neue Möglichkeiten für komplexere Analysen – mit steigender Nachfrage und höheren Gehältern.
KI-Kompetenzen als Gehaltsfaktor
Indes steigt der Wert von KI-Kompetenzen. Stellen, die spezifisches KI-Know-how erfordern, sind weltweit mit einem durchschnittlichen Gehaltsaufschlag von 62 Prozent verbunden (2025: 57 %). Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach entsprechenden Fähigkeiten rasant: Binnen eines Jahres stieg die Zahl der ausgeschriebenen Stellen, die Kompetenzen wie Prompt-Engineering oder Machine-Learning verlangen, um 69 Prozent.
„KI-Kompetenzen sind gefragter denn je, Menschen, die sie souverän einsetzen können, bleiben jedoch rar. Nicht die Technologie allein macht Unternehmen erfolgreicher, sondern die Menschen, die sie sinnvoll einsetzen. KI-Tools kann heute jedes Unternehmen kaufen – kritisches Denken, Urteilsvermögen und Teamfähigkeit nicht. Wer jetzt in diese Fähigkeiten investiert, verschafft sich einen Vorsprung, der in den kommenden Jahren weiter an Wert gewinnen wird“, so Krickl.
Vor allem für Einstiegspositionen erwarten Arbeitgeber zunehmend solche starken Soft Skills. PwC-CEO Krickl dazu: „Wer heute in den Arbeitsmarkt einsteigt, wird von Anfang an gefordert. Das ist für junge Menschen eine große Chance, aber auch eine Herausforderung. Für unser Bildungssystem und für Unternehmen bedeutet das zugleich, dass sie Berufseinsteiger:innen künftig anders fördern und begleiten müssen als bisher.“
Ein Blick in die Zukunft
Während die Analyse von PwC vor allem den Ist-Zustand auf Basis von Stellenanzeigen abbildet, blickt der internationale Kreditversicherer Coface in seiner Studie „The Next Automation Frontier: A Scenario Map of AI Labour Exposure“ in die Zukunft. Wenn nämlich neue KI-Systeme nicht nur unterstützen, sondern ganze Arbeitsabläufe selbstständig übernehmen, geraten auch komplexe kognitive Tätigkeiten zunehmend in den Fokus. Analysiert wurde die Automatisierbarkeit von 923 Berufen in fast 30 Ländern, inklusive der Unterschiede zwischen verschiedenen Arbeitsmärkten.
„KI verschiebt den Arbeitsmarkt von Quantität zu Qualität. Unternehmen sichern mit einem klugen Einsatz von KI ihre Wettbewerbsfähigkeit, entlasten ihre Talente und werten ihre Kompetenzen auf“, ist Dagmar Koch, Country Managerin von Coface Österreich, in weiten Teilen derselben Meinung wie Rudolf Krickl und ergänzt weiter: „KI ist die Antwort auf unseren Fachkräftemangel. Sie stärkt die Produktivität der Mitarbeiter und macht Wachstum besser planbar.“
Für die Untersuchung, die Coface zusammen mit dem Observatoire des Emplois Menacés et Émergents (OEM) durchgeführt hat, wurde eine neue Methodik herangezogen: Die einzelnen Berufe wurden auf ihre elementaren Aufgaben heruntergebrochen. Jede Aufgabe wurde dann in einzelne Schritte zerlegt und nach klar definierten, reproduzierbaren Kriterien bewertet.
Dieser granulare Ansatz ermöglicht eine präzisere Einschätzung der technologischen Automatisierbarkeit einzelner Tätigkeiten. „Dabei geht es um die technische Machbarkeit von Automatisierung und nicht darum, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich wegfallen oder neu entstehen“, sagt Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und Co-Autor der Studie.
Die Welle trifft Köpfe, nicht Hände
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel in der Art der Automatisierung. Während frühere Technologiewellen vor allem körperliche Tätigkeiten und später repetitive Routinearbeiten im Büro betrafen, richtet sich der Fokus agentenbasierter KI zunehmend auf datenbasierte, analytische und informationsintensive Arbeitsinhalte. Diese Systeme können nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte unterstützen, sondern ganze Abläufe eigenständig ausführen. Daher werden Berufsfelder wie das Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen, Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten verändert.
„In dieser zweiten Phase der KI-Entwicklung weist rund jeder achte Beruf einen Automatisierbarkeitsanteil von über 30 Prozent auf. Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Bereiche vor einer tiefgreifenden Transformation stehen“, sagt Duthoit. Deutlich robuster bleiben dagegen Tätigkeiten, die stark an physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche Interaktion gebunden sind: Handwerk, Pflege, Gastronomie oder persönliche Dienstleistungen gelten heute als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber KI-gestützter Automatisierung.
Österreich im Mittelfeld
Zwischen den Ländern variiert der Einfluss von KI-gestützter Automatisierung deutlich: Der Anteil potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte reicht von rund zwölf Prozent in der Türkei bis fast 20 Prozent im Vereinigten Königreich. Diese Unterschiede hängen mit der Wirtschaftsstruktur der jeweiligen Länder zusammen – sie bestimmt, welche Arten von Tätigkeiten besonders häufig vorkommen, und damit auch, wie groß der Anteil der grundsätzlich automatisierbaren Aufgaben ist.
Österreich liegt mit 16 Prozent über dem Durchschnitt und bildet gemeinsam mit Tschechien, der Slowakei, Slowenien und Deutschland ein industriell geprägtes Cluster. Der Anteil an Tätigkeiten im Ingenieurwesen, in der industriellen Fertigung, bei technischen Dienstleistungen, in Forschung, öffentlicher Verwaltung und im Bildungssektor ist bedingt durch einen Arbeitsmarkt mit vielen informationsintensiven und koordinierenden Aufgaben – genau jenen Tätigkeiten, die besonders für die KI-Unterstützung oder -Automatisierung geeignet sind.
Zugleich ist der Anteil stark dienstleistungsorientierter, managementlastiger oder IT-intensiver Funktionen geringer als in Ländern wie den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich. Österreich zählt daher nicht zu den Arbeitsmärkten Europas, die am stärksten von KI-getriebenen Veränderungen betroffen sind.
Folgen für Wertschöpfung & Bildung
Die Autoren der Coface-Studie betonen, dass die Auswirkungen weit über die Arbeitswelt hinausreichen. Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte, hoch qualifizierte Tätigkeiten betrifft, werden grundlegende wirtschaftliche und soziale Gleichgewichte beeinflusst. Immer mehr Wertschöpfung könnte nicht mehr durch menschliche Arbeitsleistung, sondern durch KI-basierte Prozesse und die dahinterstehenden Investitionen erzeugt werden. Staaten mit stark arbeitsbezogenen Steuersystemen stünden damit vor einer doppelten Herausforderung: sinkende Einnahmen und zugleich steigende Ausgaben für soziale Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven.
Zudem gibt es Auswirkungen auf das Bildungssystem. „Wenn klassische akademische Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche Sicherheit bieten, gewinnen Kompetenzen wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit komplexen KI-Systemen an Bedeutung. Hochschulen und berufliche Bildungseinrichtungen werden ihre Programme stärker auf Fähigkeiten ausrichten müssen, die KI sinnvoll ergänzen, statt mit ihr zu konkurrieren“, erklärt Aurélien Duthoit abschließend und stützt damit auch die Schlussfolgerungen von PwC.
Auch wenn sich also das Gesicht des Arbeitsmarkts durch künstliche Intelligenz drastisch verändert, bleibt es dennoch menschlich. Denn Soft Skills, wie beispielsweise kritisches Denken, Teamfähigkeit und Empathie, rücken dadurch umso stärker in den Fokus. „Die KI“ verdrängt den Menschen nicht – aber sie fordert ihn dazu heraus, sich anzupassen. Und genau diese Anpassungsfähigkeit liegt seit jeher in der Natur des Homo sapiens. (RNF)