EBRD-Chefökonomin Javorcik warnt vor Alterung der Gesellschaft © APA - Austria Presse Agentur
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) hat ihre Wachstumsprognose für 2026 angehoben. Das gilt auch für die meisten osteuropäischen Länder der Europäischen Union (EU). Im Vergleich zu September etwas pessimistischer geworden ist die EBRD aber für Kroatien, die Slowakei und Rumänien. Große Herausforderung für Osteuropa sei die Alterung der Gesellschaft, sagte EBRD-Chefökonomin Beata Javorcik im Gespräch mit der APA.
Die EBRD (European Bank for Recovery and Development) hat einen besonderen Fokus auf Osteuropa und Zentralasien, teils darüber hinaus. Für all ihre Regionen zusammengefasst rechnet die Investitionsbank mit einem Wachstum um 3,6 Prozent heuer. Spitzenreiter sind die Zentralasiatischen Länder, allen voran Kirgistan mit einem prognostizierten Anstieg der Wirtschaftsleistung um neun Prozent.
Unter den östlichen EU-Mitgliedern sticht Polen mit einer erwarteten Rate von 3,7 Prozent heuer und drei Prozent 2027 hervor. Schlusslicht ist die Slowakei mit einem bzw. 1,8 Prozent. Auch das vergangene Jahr 2025 sei in Osteuropa schlussendlich besser gelaufen als noch zur Jahresmitte erwartet, erklärte Javorcik, die vor der Veröffentlichung der Prognose am Dienstag in Wien war, gegenüber der APA. Einerseits sei der negative Effekt der US-Einfuhrzölle weniger stark ausgefallen als befürchtet. Geholfen hätten zudem gesteigerte öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung sowie weiter gestiegene Löhne.
Osteuropa alt bevor es reich wurde
Zwischen US-Zollpolitik und Ukraine-Krieg dürften langfristige Trend nicht vergessen werden. "In dieser Welt der konstanten Turbulenzen (...) ist es sehr leicht, sich auf das Dringende zu fokussieren", so Javorcik. Langsame Trends, "die sehr wichtig sind und im Hintergrund passieren" würden von der Agenda genommen und auf die lange Bank geschoben. Gemeint ist die Alterung der Gesellschaft.
Betroffen davon sind sehr viele Länder - drei Viertel der Menschen weltweit würden in einem Land mit alternder Bevölkerung leben, sagt die Ökonomin. Anders als in vielen westlichen Ländern wurden die Osteuropäer aber "alt, bevor sie reich geworden sind." Die Arbeitsbevölkerung schrumpfe viel schneller als die Gesamtbevölkerung. Das Wachstum der Wirtschaftsleistung pro Kopf werde dadurch jährlich bis 2050 um 0,4 Prozentpunkte gehemmt, gehe aus EBRD-Berechnungen hervor.
KI und Migration nur bedingt Gegenmittel
Produktivitätsgewinne durch Künstliche Intelligenz (KI) könnten diesen Trend sogar nach den optimistischsten Prognosen nicht ausgleichen - wobei hier die baltischen Staaten eher vom KI-Boom profitieren würden als die industriell geprägte Visegrád-Staaten Ungarn, Polen, Tschechien oder die Slowakei.
Ein weiteres Mittel, Alterung und niedrigen Geburtenraten zu begegnen, sei Immigration. Um den Alterungseffekt auszugleichen bedürfe es aber einer jährlichen Zuwanderung, die einem Prozent der jetzigen Bevölkerung entspreche. Das sei politisch nicht machbar, so Javorcik. "Es geht um Länder, die bis vor kurzem selbst Herkunftsländer von Migration waren".
Als Mittel bleibe dann eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit - also eine Anhebung des Pensionseintrittsalters - sowie einen stärkeren Frauenanteil am Arbeitsmarkt. Letzterer sei in Osteuropa aber bereits recht hoch. Derartige Reformen würden aber von Jahr zu Jahr schwieriger. Javorcik ruft daher zu einem möglichst frühzeitigen Handeln auf. Die Alterung der Gesellschaft gehe auch mit einer Alterung der Politik und der Wählerschaft einher. Dies würde Diskussionen über die Änderung des Pensionsalters viel schwieriger machen.