Die Fischerei ist eine der großen Knackpunkte bei den Verhandlungen © APA - Austria Presse Agentur

Vor der isländischen Volksabstimmung über eine Wiederaufnahme der EU-Beitrittsgespräche am Samstag stehen wirtschaftliche Fragen im Fokus. Die Dreierkoalition unter Premierministerin Kristrún Frostadóttir ist gespalten. Sozialdemokraten und Reformpartei werben für Beitrittsgespräche, während die mitregierende Volkspartei dagegen ist. Befürworter verbinden mit einer stärkeren EU-Integration unter anderem Hoffnungen auf mehr Währungsstabilität und langfristig niedrigere Zinsen.

Dagegen mobilisiert die Opposition aus Sorge vor einem Verlust der Souveränität über die Fischgründe. Die Wirtschaft des reichen nordischen Landes hat spürbare Ungleichgewichte. Die Zentralbank senkte am 19. August ihre Prognose für das reale BIP-Wachstum 2026 von 1,6 auf 1,4 Prozent und erhöhte ihren Leitzins auf 8,00 Prozent. Íslandsbanki erwartet 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum.

Die Jahresinflation stieg im August auf 5,6 Prozent und liegt damit deutlich über dem Inflationsziel von 2,5 Prozent. Nach vorläufigen Eurostat-Daten lag das Preisniveau der privaten Haushaltskonsumausgaben 2025 um 73,5 Prozent über dem EU-27-Durchschnitt, Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke waren um 55,8 Prozent teurer.

Währungsdebatte und Fischereisorgen

Im Zentrum der Debatte steht die Zukunft der isländischen Krone als eine der kleinsten frei schwankenden Währungen der Welt. Befürworter eines EU-Beitritts argumentieren, die Krone sei strukturell instabil, weshalb der Euro die Zinsen senken und Transaktionskosten abbauen könne. Zentralbankgouverneur Ásgeir Jónsson warnte jedoch vor Transitionsrisiken und betonte, das heimische Modell des "Inflation Targeting Plus" (IT-plus) habe die Krone in den vergangenen Jahren stabilisiert. Das Modell nutzt gezielte Interventionen im Devisenmarkt, um die isländische Krone in Krisenzeiten vor volatilen Kapitalflüssen zu schützen.

Außerdem käme der Euro nicht unmittelbar mit einem EU-Beitritt: Nach einer Mitgliedschaft müsste Island die Konvergenzkriterien erfüllen und mindestens zwei Jahre spannungsfrei am ERM II teilnehmen.

Die größte materielle Trennlinie betrifft die Fischerei, eine Schlüsselbranche der isländischen Wirtschaft. Island betreibt ein marktbasiertes System übertragbarer Fangquoten mit kaum direkter Einkommensstützung für die Fischer. Die Fischereiwirtschaft befürchtet bei einem Beitritt die Unterwerfung unter die Gemeinsame Fischereipolitik der EU und den Zugang ausländischer Fischer. Auch der stark geschützte Agrarsektor wehrt sich gegen die Öffnung für billigere EU-Importe. Der Bankensektor hingegen ist schon eng in europäische Strukturen integriert.

Österreich erzielt im Handel mit Island einen Exportüberschuss

Für Österreichs Wirtschaft spielt Island laut Wirtschaftskammer Österreich (WKO) eine untergeordnete Rolle. Im Jahr 2025 betrug die Warenausfuhr nach Island 53 Mio Euro (2024: 51 Mio. Euro), während die Importe bei 31 Mio. Euro lagen (2024: 47 Mio. Euro). Österreich exportiert vor allem chemische Erzeugnisse (33,2 Prozent) und Maschinen (12,4 Prozent) und importiert primär Aluminium (75,8 Prozent) sowie Fisch (13,3 Prozent).

Islands nominelles BIP wird für heuer auf 43,7 Mrd. US-Dollar (37,6 Mrd Euro) prognostiziert. Die gesamte isländische Wirtschaftsleistung ist deutlich kleiner als die jährlichen EU-Exporte Österreichs. Österreich exportierte 2025 Waren im Wert von 128,95 Mrd. Euro in die EU. Mit seinen rund 396.500 Einwohnern (Stand Mitte 2026) wäre Island noch hinter Malta der bevölkerungsärmste EU-Staat. Angesichts des hohen Pro-Kopf-Einkommens (prognostizierte 109.700 US-Dollar für 2026) wäre Island im Falle eines EU-Beitritts möglicherweise von Beginn an ein Nettozahler in die EU-Kassen.