++ ARCHIVBILD ++ EZB-Chefin Lagarde lässt Leitzinsen unverändert © APA - Austria Presse Agentur
Die EZB ist wegen der kräftig steigenden Inflation im Zuge des Iran-Kriegs in Sorge und spricht bereits über die Option einer Zinserhöhung. Der EZB-Rat beließ den Leitzins am Donnerstag zwar bei 2,0 Prozent. Doch angesichts der von den Energiepreisen auf 3,0 Prozent getriebenen Inflation im Euroraum läuten die Alarmglocken.
"Je länger der Krieg anhält und je länger die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, desto stärker wird sich dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken", warnten die Währungshüter. Laut EZB-Chefin Christine Lagarde wurde auf der Sitzung bereits über die Option einer Erhöhung gesprochen - und zwar "ausführlich und eingehend".
Datenlage gibt derzeit Erhöhung nicht her
Doch habe man einmütig eine Zinspause beschlossen, da die Datenlage eine Erhöhung zurzeit nicht hergebe, sagte Lagarde. Auf der nächsten Sitzung in sechs Wochen werde man mit Blick auf den Nahost-Konflikt klarer sehen und auch neue Projektionen zu Inflation und Konjunktur vorlegen. An den Finanzmärkten wird auf einen Schritt nach oben im Juni spekuliert.
"Leitzinserhöhung: Jetzt noch nicht, aber bald. So kann man die Signale aus der heutigen EZB-Sitzung zusammenfassen", meint Christoph Kutt, Leiter Fixed Income Research der DZ Bank. Für eine Erhöhung im Juni spricht aus Sicht vieler Händler, dass Mitte des Jahres voraussichtlich mehr Klarheit über die gesamtwirtschaftlichen Folgen des Ölpreisschocks herrschen wird.
Doch steckt die EZB in einem Dilemma, da sie mit einer strafferen Geldpolitik zwar den Preisauftrieb dämpfen, aber im schlimmsten Fall auch die angeschlagene Konjunktur abwürgen könnte. "Die Risiken für die Wachstumsaussichten sind nach unten gerichtet", konstatierte der EZB-Rat. Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im ersten Quartal nur noch minimal um 0,1 Prozent.
Volkswirte sehen schon Bremseffekte in der Wirtschaft
"Bremseffekte durch den Iran-Krieg sorgen dafür, dass es knirscht im Gebälk. Der Unterstützung durch staatliche Ausgaben stehen energiepreisbedingte Kaufkraftverluste gegenüber", erläutert der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, Alexander Krüger. Auch bei einer Entspannung in der Region mahnt er zur Vorsicht: "Nach einer Öffnung der Straße von Hormuz werden sich Energiepreise nur zögerlich normalisieren." Alle Blicke richten sich derzeit gebannt auf diese Meerenge am Persischen Golf, die ein Nadelöhr für den internationalen Schiffstransport von Öl und Flüssigerdgas darstellt.
Für die geldpolitische Ausrichtung der EZB dürfte die Krise am Persischen Golf vorerst ein zentraler Unsicherheitsfaktor bleiben: "Noch kann die EZB abwarten, aber mit jeder Woche, in der die Rohölversorgung der Weltwirtschaft durch die Blockade im Persischen Golf eingeschränkt bleibt, steigt für die Geldpolitik die Notwendigkeit, die Leitzinsen zu erhöhen", sagte DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.
Die EZB hat als mittelfristiges Stabilitätsziel eine Teuerungsrate von 2,0 Prozent. Dieses Ziel verfehlt sie derzeit um einen vollen Prozentpunkt. Als Inflationstreiber erweist sich Energie, die sich im April um satte 10,9 Prozent verteuerte.
Unternehmen dürften Energiepreise rasch an Konsumenten weitergeben
"Umfragen zeigen, dass die Unternehmen die höheren Energiepreise rasch an die Verbraucher weitergeben werden", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Steigen wegen höherer Preise auch die Löhne, ziehen Unternehmen oft nach und erhöhen ihrerseits die Preise. Diese Zweitrundeneffekte könnten die Inflation über längere Zeit hochhalten. Sollten sich dafür Anzeichen ergeben, dürfte die EZB nach Einschätzung vieler Anleger im Juni die Zinszügel anziehen und womöglich weitere Straffungen folgen lassen.
Die Notenbank sei jedoch gut beraten, Vorsicht walten zu lassen und den Bogen bei den Zinserhöhungen nicht zu überspannen, so die Ansicht von DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Die Wirtschaft im Euroraum habe sich bereits erheblich abgeschwächt: "Die Finanzierungsbedingungen haben sich verschlechtert, sodass diese Entwicklungen bereits einen Teil des Drucks von der Preisentwicklung nehmen." Zudem gebe es zunehmende Sorgen um die Staatsfinanzen mancher Mitgliedsländer und deren Implikationen für Risikoaufschläge und Finanzstabilität.