Weltbank-Direktorin Bjerde sorgt sich um den globalen Arbeitsmarkt © APA - Austria Presse Agentur

Die größte globale Entwicklungshilfeorganisation ist die Weltbank, und sie vergibt nicht nur Kredite. Wie Weltbank-Direktorin Anna Bjerde im APA-Gespräch erläutert, geht es auch um Garantien, Eigenkapital und Wissen. Als Geschäftsführerin für den operativen Bereich verantwortet sie jährlich Zusagen von rund 80 Milliarden Dollar (70,17 Mrd. Euro). Oberste Priorität habe die Schaffung von Jobs, weil die Schere zwischen Jobsuchenden und verfügbaren Jobs stark auseinandergehe.

"Wir schätzen, dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren 1,2 Milliarden Jobs in den Entwicklungsländern gebraucht werden. Die Jobsuchenden sind hauptsächlich junge Menschen, aber es werden voraussichtlich nur 400 Millionen Jobs geschaffen werden. Wir haben es also mit einer riesigen Lücke zu tun", sagt Bjerde am Rande des Entwicklungsforums des OPEC-Fonds in Wien. Die Schwedin leitet den öffentlichen Bereich der Weltbank, der mit Regierungen auf der ganzen Welt zusammenarbeitet.

Das Thema Jobs sei eines, das alle Anteilseigner der Weltbank verbinde. "Wenn man an wirklich arme Länder denkt, dann gibt es dort nicht genug Jobs. In Ländern mit mittlerem Entwicklungsstand wünscht man sich bessere Jobs. Und in Ländern mit höherem Einkommen geht es um die Anpassung an Technologie, KI und Automatisierung." Auch sei ein eigener Job "der beste Weg aus der Armut und ein Quell der Hoffnung und Würde". Zudem gebe es auch eine starke Verbindung zwischen Arbeitskräftemangel und Migrationsdruck, und damit auch zwischen Stabilität und Sicherheit, unterstreicht Bjerde.

"Große Überschneidung" mit Aktivitäten von Philanthropen

In Zeiten staatlicher Budgetknappheit konzentriert sich die Weltbankgruppe darauf, mehr Privatinvestoren und Philanthropen ins Boot zu holen. "Der private Sektor hat eine bedeutende Möglichkeit, sich stärker zu engagieren", betont sie. Die Weltbank entwickle derzeit auch eine eigene Strategie für die Zusammenarbeit mit privaten Gönnern, "weil es eine große Überschneidung gibt zwischen dem, was wir zu tun versuchen, und dem, was Philanthropen auf der ganzen Welt zu tun versuchen".

"Mir gefällt dieses Argument sehr gut, und ich sehe das ganz genau so", antwortet sie auf die Frage, ob sich angesichts der gerade entstehenden Klasse von Billionären nicht auch Superreiche stärker an Entwicklungsausgaben beteiligen sollen. Die Weltbank habe bereits zwei Angebote für die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor: Die International Finance Corporation (IFC), die den Privatsektor mit Fremd- und Eigenkapital unterstützt, und die Multilateral Invstment Guarantee Agency (MIGA), die Garantien bereitstellt, um das Risiko für private Investoren zu senken, die in Entwicklungsländern investieren.

Die Organisation steht auch im kontinuierlichen Austausch mit großen Unternehmen, um festzustellen, was es für Investments in den Entwicklungsländern brauche. Ihre Arbeit bestehe auch darin, Regierungen zu Reformen zu ermuntern, "damit sie den privaten Sektor sowohl in ihren Ländern als auch im Ausland mobilisieren können, denn Sie haben völlig Recht: Es gibt nicht genug Mittel im öffentlichen Sektor", sagt Bjerde. Außerdem solle sich der Staat "nicht mit dem beschäftigen, was der private so viel besser kann: Nämlich Wachstum ankurbeln, Jobs schaffen, Innovation und Unternehmertum".

"Mission 300" für Zugang zu elektrischem Strom in Afrika

In Zeiten sinkender Auslandshilfe wolle man "sicherstellen, dass uns jeder einzelne Dollar ganz weit bringt in Sachen Fortschritt", betont Bjerde. Im Zentrum stehen dabei grundlegende Aspekte der Daseinsvorsorge. So hätten in Afrika 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu elektrischem Strom. Das Programm "Mission 300" soll bis zum Jahr 2030 der Hälfte dieser Menschen einen Stromanschluss verschaffen. "Wir haben gerade die 50-Millionen-Marke geschafft, wobei der Großteil der Fortschritte in den letzten paar Monaten gemacht wurde", berichtet die Weltbank-Direktorin. Weitere Programme zielen auf Wasser- und Gesundheitsversorgung ab.

Von riesigen Globalsummen - etwa den 588 Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau der Ukraine benötigt werden - lässt sich die Entwicklungsexpertin nicht abschrecken. "Zielführender ist es, wenn man sagt: 'Was sind die Prioritäten der nächsten 18 bis 36 Monate? Und was davon entfällt auf den öffentlichen und privaten Sektor?'", erläutert sie.

"Wenn man weggeht, hat man bei Rückkehr ein größeres Problem"

Wichtig sei kontinuierliche Hilfe, auch und gerade in Kriegszeiten. "Wenn man weggeht, bis ein Konflikt beendet ist, hat man bei der Rückkehr ein größeres Problem", dass es in der Zwischenzeit zur Abwanderung von qualifizierten Kräften, einem Zusammenbruch von Institutionen und einer Zunahme der Armut gekommen sein könnte. "Damit wird es noch schwerer für uns, die Armut zu bekämpfen." Deshalb versuche man, weiter mit Hilfe präsent zu sein, etwa im Bildungs- oder Gesundheitsbereich, und arbeitet dabei mit Partnern, einschließlich der Zivilgesellschaft, zusammen, um Menschen essenzielle Dienstleistungen bereitzustellen.

Dies mache sich bezahlt, nennt Bjerde die Demokratische Republik Kongo als Beispiel. Dort sei man schon zum 17. Mal mit einem Ebola-Ausbruch konfrontiert, und "obwohl es sich um eine sehr ernste Situation handelt, kann man heute deutlich besser damit umgehen als in der Vergangenheit, weil in das Gesundheitssystem investiert worden ist". In der Ukraine wiederum seien die Finanzströme trotz des Krieges so hoch, "weil die Institutionen stark und glaubwürdig seien".

Weltbank sieht sich weiterhin von allen Anteilseignern unterstützt

Sitzstaat und größter Anteilseigner der Weltbank sind die USA, die nach dem Comeback von Präsident Donald Trump ihre Entwicklungsausgaben radikal gekürzt haben. "Wir denken, dass wir viel Unterstützung von allen Anteilseignern haben", sagt Bjerde auf eine Frage nach Problemen mit der Trump-Regierung. Die Weltbank arbeite mit allen Aktionären gut zusammen. "Es gibt uns schon seit acht Jahrzehnten, und es gab ständig Veränderungen in den politischen Systemen unserer Anteilseigner." Als Organisation sei man sehr stark ergebnisorientiert und wolle Ländern dabei helfen, zu wachsen, Armut zu reduzieren und das Pro-Kopf-Einkommen zu erhöhen. "Wir glauben, dass wir das am besten erreichen, indem wir uns punktgenau auf Entwicklung konzentrieren. Und diesbezüglich gibt es sehr viel Einigkeit unter unseren Anteilseignern."

Äußerst pragmatisch sieht die Schwedin das Klimathema. Es gehe darum, die Investitionen nachhaltig und widerstandsfähig zu machen, sagt sie auf die Frage, welche Rolle der Kampf gegen den Klimawandel in ihrer Arbeit spiele. "Wir wollen, dass die von uns unterstützten Investitionen länger halten als ein paar Jahre", so Bjerde, die als Beispiel den Hochwasserschutz beim Straßenbau nennt, damit Straßen nicht "weggeschwemmt" werden.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)