KI-Kompetenz wird mit steigenden Prämien belohnt. Bezahlt wird nicht für Wissen, sondern für die Fähigkeit, sich permanent anzupassen und dazuzulernen. © magnific/gpointstudio
Wie schnell jemand belastbare Schlüsse aus maschinell generierten Daten zieht, ist die neue harte Währung am Arbeitsmarkt.
Wer das nicht trainiert, verliert nicht seinen Job an eine Maschine, sondern an Kollegen, die mit ihr umgehen können.
Arbeit verschwindet selten, sie verschiebt sich nur. Was sich gerade ändert, ist der Grund, aus dem man bezahlt wird. Eine Projektleiterin hatte sich ihr Standing im Unternehmen bisher damit erarbeitet, indem sie lieferte: das Protokoll nach der Sitzung, den Statusbericht am Freitag, die Zusammenfassung aus drei Abteilungsmails. Zuverlässigkeit war ihre Währung. Heute schreibt ein Sprachmodell das Protokoll in Echtzeit und den Wochenbericht in wenigen Minuten.
Weniger Arbeit hat sie deshalb nicht. Sie hat andere Arbeit. Denn der Routineteil ihres Jobs wird gerade automatisiert. Wer jahrelang Daten unfallfrei stapeln konnte, hat jetzt Angst. Übrig bleibt der schwere Teil: das Denken, die abgeleiteten Schlüsse aus Geschäftsvorgängen und Strategien, die funktionieren. Eine Entscheidung zu treffen, die man verantworten kann. Etwas, das sich nicht an einem Wochenende lernen lässt.
62 Prozent Lohnprämie
Dass das keine Zukunftsmusik ist, zeigen die Zahlen der Beratungsfirma PwC, die dafür knapp eine Milliarde Stellenanzeigen aus rund zwei Dutzend Ländern ausgewertet hat. 2023 lag die Gehaltsprämie für nachgewiesene KI-Kompetenz bei 25 Prozent. 2024 waren es 56 Prozent, bei gleichem Jobtitel, gleicher Position, nur mit einem anderen Menschen auf dem Stuhl. Im aktuellen, im Juni veröffentlichten Barometer ist der Aufschlag bereits auf 62 Prozent gestiegen. In manchen Branchen liegt er sogar deutlich höher.
Geld ist hier nur das Symptom. Die eigentliche Diagnose lautet: Der Markt zahlt nicht mehr für das, was Sie wissen. Er zahlt einen historischen Aufschlag für Ihre Fähigkeit, sich permanent anzupassen und dazuzulernen. Auch das Tempo, mit dem sich Anforderungen ändern, beschleunigt sich: In Berufen mit hoher KI-Berührung wandeln sich die gefragten Fähigkeiten laut PwC um 66 Prozent schneller als in wenig betroffenen Berufen. Wer heute für ein bestimmtes Wissen gebucht wird, konkurriert in eineinhalb Jahren mit jedem, der dasselbe googeln kann.
Es liegt nicht an der Technik
Jetzt erwarten Sie vielleicht, dass ich sage: Also kauft mehr Technologie. Im Gegenteil. Wenn Großkonzerne tausende Mitarbeitende weiterbilden wollen durch ein dreistündiges Online-Häppchen, ein paar Klicks, ein Multiple-Choice-Quiz und dann Zertifikat ins Postfach, dann dürfen sie sich nicht wundern, dass danach kaum wer KI-Tools nutzt, von denen sie fürchten, ersetzt zu werden.
Oder ein anderer Worst Case: Ein Industriebetrieb führte eine hochpräzise, KI-gestützte Qualitätskontrolle ein. Nach wenigen Monaten ist das System Schrott, weil ein Schichtleiter nicht mit der Warnmeldung umgehen konnte. Kein Wunder, wenn ihm niemand beigebracht hat, wie man mit einem System arbeitet, das nur meistens recht hat. Am Ende steigt die Fehlerquote wieder, mit der gleichen Technik, die gebaut wurde, um sie zu senken.
Dabei kann man die KI-Transformation auch anders angehen. Es gibt KMUs, wo die Geschäftsführung zehn respektierte Leute aus Produktion und Vertrieb für ein halbes Jahr komplett freistellt. Zum Lernen. Zum Experimentieren. Und zum Scheitern. Diese zehn kommen als Brückenbauer in ihre Teams zurück. Als Kollegen, die selbst zuerst skeptisch waren, bevor sie sich näher mit KI beschäftigt haben. Dort gibt es andere Nutzungsraten nach den zehn Monaten. Gleiche Technologie. Gleiches Jahr. Der Unterschied ist nicht das Werkzeug. Sondern, ob Lernen Teil der Arbeit wurde. Und genau hier verschiebt sich die Bedeutung von Weiterbildung. Früher war sie ein wiederkehrendes Ereignis. Heute ist sie eine Betriebstemperatur.
Der neue Vorsprung
Für Arbeitnehmende heißt das: Die sicherste Kompetenz ist nicht mehr Fachwissen, das man einmal erworben hat, sondern die Bereitschaft, es regelmäßig zu überprüfen und zu ersetzen. Wer heute lernt, mit KI-Werkzeugen zu arbeiten, verhandelt morgen aus einer anderen Position, das belegen die PwC-Zahlen sehr konkret in Euro und Prozent. Für Führungskräfte heißt es: Weiterbildung lässt sich nicht outsourcen und nicht in ein einzelnes Kurszertifikat pressen. Wer die Frage vermeidet, welche Prozesse und Abteilungen in drei Jahren überflüssig werden, verschiebt sie nicht, er beantwortet sie später, unter schlechteren Bedingungen und mit weniger eigenem Gestaltungsspielraum.
Jahrzehntelang galt: Wer mehr wusste, gewinnt. Das kippt gerade. Wissen verfällt inzwischen schneller, als es sich aufbauen lässt. Der neue Vorsprung liegt nicht darin, am meisten zu wissen, sondern darin, am schnellsten Neues aufzunehmen, als Mensch und als Organisation. Die Modelle werden sich ändern, die Plattformen auch. Was bleibt, ist die Fähigkeit: nicht aufzuhören, dazuzulernen. (CB)
DER AUTOR
Christoph Becker ist CEO des österreichischen Bildungsanbieters ETC.
Nähere Informationen finden Sie unter www.etc.at