Die Vision weiter gedacht

NEW BUSINESS Export - NB EXPORT 1/2026
Die Idee zu "Livin Farms" kam der Industriedesignerin Katharina Unger in Hongkong. Mit ihrem Start-up produziert sie aus organischen Abfällen im großen Stil essbare Insekten. © Paris Tsitsos for LivinFarms

Österreichs Start-up-Szene hat sich in den vergangenen Jahren zu einem ­bemerkenswerten Innovationstreiber entwickelt – mit wachsender internationaler Strahlkraft.

Immer häufiger entstehen auf diese Weise Unternehmen, die nicht auf den Heimmarkt setzen, sondern von Beginn an die globale Herausforderung suchen.

Katharina unger zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Waste-to-Protein-Bewegung. Das klingt erst mal nach einer ehrenvollen Aufgabe, aber nicht unbedingt nach innovativem Unternehmerinnentum. Weit gefehlt: Als Gründerin und CEO von Livin Farms treibt sie bereits seit 2012 die Entwicklung nach­haltiger Kreislaufwirtschaften voran – mit einem klaren Fokus auf die Umwandlung organischer Nebenprodukte in hochwertige Insektenproteine.

Die Pionierin der modernen Insektenzucht arbeitet nämlich an Technologien für die alternative Lebensmittel- und Futtermittelproduktion. Ihre Projekte und Forschungsinitiativen führten sie ­bereits quer durch Europa, die USA, Afrika und Asien. Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit ist Katharina Unger eine gefragte Stimme im internationalen Nachhaltigkeits- und Food-Tech-Sektor: Sie hält Vorträge an Universitäten und bei internationalen Konferenzen und wird weltweit regelmäßig als Keynote-Speakerin, Expertin und TV-Gast eingeladen. 

Globale Ernährung mit Blick auf die Zukunft
Die Frage, wie eine wachsende Weltbevölkerung nachhaltig ernährt werden kann, zählt zu den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – und genau hier setzt Livin Farms an: Das Wiener Unternehmen entwickelt modulare Systeme zur industriellen Insektenzucht und adressiert damit einen Markt, der weltweit an Dynamik gewinnt. Im Kern geht es um mehr als alternative Lebensmittel; es geht um ein neues Verständnis von Wertschöpfung.

„Wir nutzen die zentrale Rolle von Insekten im Ökosystem, um unser Ernährungssystem im großen Maßstab wieder gesünder zu machen – indem wir Abfälle in wertvolle Lebensmittel verwandeln“, erklärt Unger. Diese Perspektive verbindet ökologische Notwendigkeit mit industrieller Skalierbarkeit. Denn Livin Farms liefert nicht nur Technologie, sondern auch gleich die dafür notwendigen integrierten Produktionssysteme. Organische Reststoffe werden solcherart zu Protein, Öl oder Dünger weiterverarbeitet – ein Ansatz, der insbesondere in Regionen mit knappen Ressourcen auf großes Interesse stößt.

Denke lieber größer: Von Anfang an international
„Unsere Idee basiert darauf, organische Reststoffe mithilfe von Insekten in wertvolle, stark nachgefragte Produkte umzuwandeln“, so Unger. Der Clou liegt dabei in der Standardisierung: Automatisierte Anlagen ermöglichen eine gleichbleibende Qualität und machen die Produktion weltweit replizierbar. Dass das Unternehmen früh auf Internationalisierung gesetzt hat, ist natürlich kein Zufall: „Wir waren von Tag eins international unterwegs“, betont Unger. Tatsächlich liegen die größten Wachstumsmärkte außerhalb Europas – etwa in Asien, Afrika oder Lateinamerika, wo alternative Proteinquellen bereits stärker etabliert sind. Gleichzeitig wächst auch in westlichen Märkten das Interesse, nicht zuletzt durch steigendes Nachhaltigkeitsbewusstsein und regulatorische Öffnungen.

KI für den Stromhandel der Zukunft
Während Livin Farms die Ernährungssysteme neu denkt, arbeitet Enspired an einer anderen zentralen Zukunfts­frage – nämlich daran, wie sich die Energiewende effizient und wirtschaftlich skalieren lässt. Das Wiener Climate-Tech-Unternehmen entwickelt KI-basierte Lösungen für den automatisierten Stromhandel und positioniert sich damit auf einem Spielfeld, das durch volatile Energiemärkte und den Ausbau erneuerbarer Energien massiv an Bedeutung gewinnt. Im Zentrum des Geschäftsmodells steht künstliche Intelligenz: Die Technologie analysiert in Echtzeit Marktdaten, Preisbewegungen und Netzschwankungen, um Strom flexibel und automatisiert zu handeln.

Ziel ist es, Energieflüsse effizienter zu steuern und gleichzeitig die Integration erneuerbarer Energien zu erleichtern. „Die Energiewende braucht intelligente Systeme, die Geschwindigkeit, Präzision und Skalierbarkeit verbinden“, heißt es in einem Pressetext des Unternehmens. Denn in einem Energiemarkt, der zunehmend von kurzfristigen Schwankungen geprägt ist, wird datengetriebene Automatisierung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Dabei zeigt sich auch hier ein typisches Muster erfolgreicher österreichischer Start-ups: Internationalisierung ist kein später Schritt, ­sondern Teil des Geschäftsmodells. Energiemärkte sind euro­paweit vernetzt, regulatorische Anforderungen inter­national geprägt und Wachstumspotenziale klar global ausgerichtet.

Die Nachfrage ist groß – und sie wächst stetig weiter
Diesen Mai wurde eine weitere internationale Zusammenarbeit bekannt gegeben: „Italien zählt zu den dynamischsten und anspruchsvollsten Energiespeichermärkten Europas – und wir haben uns gezielt und sorgfältig auf diesen Markt vorbereitet. Unsere Plattform hat sich bereits in zwölf Ländern bewährt, und wir sind bereit, auch hier Anlagenbetreibern leistungsstarke Lösungen zu bieten. Mit Energreen Trading haben wir einen starken Partner in Italien an unserer Seite. Mit einer Pipeline von 962 Megawatt und einer bereits erfolgreich abgeschlossenen Live-Simulation treiben wir unsere Expansion mit hoher Geschwindigkeit voran. Wir freuen uns darauf, auf dieser Basis weiter aufzubauen und unsere Präsenz am italienischen Markt konsequent auszubauen“, so Jürgen Pfalzer, CCO bei Enspired.

Quantenrechner aus den heimischen Alpen
Nicht weniger stark auf die Zukunft ausgerichtet ist das Geschäftsmodell von Alpine Quantum Technologies: Das Unternehmen arbeitet an Hardwarelösungen für Quantencomputer – eine Technologie, die das Potenzial hat, komplexe Probleme weit schneller zu lösen als klassische Rechner. Im Unterschied zu vielen Forschungsansätzen verfolgt das Unternehmen allerdings eine ganz klare Strategie der Anwendbarkeit: Ziel ist es, Quantencomputer nicht nur leistungsfähig, sondern auch kompakt und stabil und damit erstmals breiter nutzbar zu machen. Diese Entwicklung markiert einen entscheidenden Schritt – weg vom Labor, hin zur industriellen Anwendung.

Und gerade darin liegt auch das enorme Exportpotenzial. Denn Märkte wie die USA oder Asien investieren momentan massiv in Quantenforschung, während Europa bemüht ist, technologisch aufzuschließen. Alpine Quantum Technologies positioniert sich hier als wichtiger Baustein einer europäischen Antwort. Das Ziel ist jedenfalls längst klar formuliert: europäische Technologie international konkurrenzfähig zu machen und gleichzeitig neue Standards zu setzen. Die Spezialisierung auf Hardware könnte sich dabei als strategischer Vorteil erweisen, da sie eine Schlüsselrolle in der gesamten Wertschöpfungskette einnimmt.
 
Der Türöffner zu globalen Märkten
So unterschiedlich die drei Unternehmen in ihren Branchen auch sein mögen, so deutlich zeigen sich gemeinsame Muster: Sie setzen auf tiefgreifende technologische Innovation – und alle denken von Beginn an global. Der österreichische Heimmarkt spielt in der Wachstums­strategie eine untergeordnete Rolle. Stattdessen steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich Lösungen international skalieren lassen. Ob Ernährungssysteme, KI-gestützte Energiemärkte oder Quantenhardware: Entscheidend ist die Fähigkeit, komplexe Probleme auf eine Weise zu lösen, die weltweit relevant ist.

International auf Augenhöhe
Dabei zeigt sich auch eine Verschiebung im Selbstverständnis: Österreich tritt zunehmend als Technologieanbieter auf Augenhöhe mit internationalen Wettbewerbern auf. Kooperationen, Export und globale Netzwerke sind also keine Option mehr, sondern Voraussetzung. Die Beispiele von Livin Farms, Enspired und Alpine Quantum Technologies geben damit durchaus guten Grund zur Hoffnung, dass Österreichs Rolle im globalen Innovationssystem mehr denn je im positiven Wandel ist: Die Kombination aus exzellenter Forschung, unternehmerischem Mut und wachsender internationaler Vernetzung schafft ein ­Umfeld, in dem Unternehmen entstehen können, die von Anfang an auf Weltmärkte ausgerichtet sind. (PZ)