Theoretisches Wissen allein reicht nicht. Im Berufsalltag braucht man auch praktische Fähigkeiten und Erfahrung mit aktuellen Werkzeugen sowie Technologien. © Magnific
Sandra Moldoveanu von Red Hat im Interview darüber, wie praxisnahe Open-Source-Qualifikationen den IT-Nachwuchs fit für den Arbeitsmarkt machen ...
... und warum das „digitale Handwerk“ selbst in Zeiten von KI und Vibe Coding unverzichtbar bleibt.
Der IT-Bereich wandelt sich so schnell, dass in Bildungseinrichtungen vermitteltes Wissen manchmal schon überholt sein kann, wenn Schüler:innen und Student:innen ihre Kurse absolviert haben. So entsteht eine Lücke zwischen dem, was gelernt wurde, und dem, was Unternehmen brauchen. Dieser „Skills Gap“ wird auch von den Softwareherstellern adressiert. Open-Source-Pionier Red Hat hat dafür die Red Hat Academy (RHA) ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, Praxis in die Ausbildung zu bringen und Studierende mit aktuellen, gefragten Fähigkeiten in die Jobwelt zu entlassen.
Sandra Moldoveanu ist Program-Managerin der Red Hat Academy in der EMEA-Region und hat in den vergangenen neun Jahren den Auf- und Ausbau der Open-Source-Bildungsinitiativen maßgeblich vorangetrieben. Im Interview mit NEW BUSINESS spricht sie unter anderem über die Verknüpfung von Theorie und Praxis in der Ausbildung sowie die Zukunftssicherheit des „digitalen Handwerks“ in Zeiten von KI und Vibe Coding.
Frau Moldoveanu, ist es überhaupt noch sinnvoll, an Schulen und Universitäten konkretes IT-Wissen zu vermitteln, das vielleicht morgen schon veraltet ist?
In der heutigen Arbeitswelt ist es entscheidend, Studierenden nicht nur theoretisches Wissen mitzugeben, sondern ihnen genau die praktischen Fähigkeiten zu vermitteln, die im Berufsalltag wirklich gebraucht werden. Macht konkretes IT-Wissen an Schulen und Hochschulen also noch Sinn? Ja, absolut. Reine Theorie ohne praktische Anwendung bleibt abstrakt. Konkrete IT-Werkzeuge und Open-Source-Plattformen – wie Linux oder Container – verschwinden nicht einfach morgen wieder. Sie zeigen direkt, wie grundlegende Prinzipien in der Praxis funktionieren. Wer lernt, wie diese Systeme im Kern aufgebaut sind, versteht das Fundament der modernen IT und bringt genau das Wissen mit, das auf dem Arbeitsmarkt zählt.
Ich habe Red Hat bzw. die Red Hat Academy auf der European Convention of Engineering Deans (ECED 2026) in Gleiwitz (Polen) vertreten. Das diesjährige Thema „Die Zukunft der Ingenieursausbildung im direkten Dialog mit der Industrie gestalten“ passt perfekt zu dem, was wir jeden Tag durch das RHA-Programm aufbauen. Die Konferenz hat deutlich gemacht, dass sich die Bildungslandschaft zunehmend in Richtung praktischer und pragmatischer Fähigkeiten verschiebt, um Studierende direkt nach dem Abschluss fit für den Arbeitsmarkt in Unternehmen zu machen.
Welche Strategien und Möglichkeiten haben Bildungseinrichtungen, um ihre „Schützlinge“ mit relevanten und aktuellen Kenntnissen ins „echte Leben“ zu entlassen?
Bildungseinrichtungen müssen die Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen. Studierende brauchen Hands-on-Erfahrung an echten Industriestandards – also Werkzeugen, die Unternehmen täglich nutzen. Wenn wir das mit anerkannten Zertifizierungen und der Open-Source-Kultur verknüpfen, sind sie ab Tag eins einsatzbereit. Schulen und Hochschulen müssen starre Lehrpläne aufbrechen und auf flexible, von Partnern wie der Red Hat Academy aktuell gehaltene Inhalte setzen. Außerdem sollten wir weg von Ankreuztests hin zu praktischen Prüfungen direkt am System. Lehrende werden dabei vom reinen Wissensvermittler zum Mentor, der das eigenständige Problemlösen fördert.
Was können Schüler:innen und Studierende selbst dazu beitragen, um ihre Ausbildung so zu gestalten, dass sie möglichst große Chancen am Red Hat Academy haben?
Schüler:innen und Studierende sollten ihre Ausbildung aktiv gestalten: Entscheidend ist es, aktuelle und marktrelevante Kurse zu belegen und das Wissen direkt in der Praxis anzuwenden. In praktischen Labs lernen sie, genau die Aufgaben eigenständig zu lösen, die im Unternehmensalltag gefordert werden. Durch weltweit anerkannte Red-Hat-Zertifizierungen zum Beispiel lassen sich diese Qualifikationen offiziell validieren – ein klarer Wettbewerbsvorteil, der die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig maximiert.
Red Hat adressiert diese Dinge mit seiner Red Hat Academy. Was kann man sich darunter vorstellen?
Die Red Hat Academy ist ein kostenfreies, gemeinnütziges Programm für Bildungseinrichtungen – von Schulen und Universitäten bis hin zum österreichischen System mit HTLs und FHs. Nach Schließen der Partnerschaft läuft alles 100 Prozent online über ein zentrales Learning Management System. Lehrkräfte und Studierende erhalten freien Zugriff auf aktuelle Kurse und cloudbasierte Hands-on-Labs. Das Spektrum deckt mit Enterprise Linux, Ansible, OpenShift, Cloud-Native Applications und Artificial Intelligence alle zentralen Zukunftsfelder ab. So lernen Studierende direkt am System gefragte Praxis-Skills und können diese mit weltweit anerkannten Red-Hat-Zertifikaten nachweisen.
Ein entscheidender Vorteil dabei: Die Red Hat Academy nutzt dieselben Inhalte, die auch für Profis in der Industrie entwickelt werden. Diese Lehrinhalte basieren auf dem direkten Feedback aus den Entwicklungs-, Support- und Beratungsteams von Red Hat und werden laufend aktualisiert, um mit der rasanten Entwicklung der IT-Welt Schritt zu halten. Statt rein theoretischer Modelle arbeiten Studierende mit realen Anwendungsfällen aus tausenden Unternehmensimplementierungen auf Basis von Red Hat Enterprise Linux.
Wie wird dieses Angebot in Österreich angenommen?
Auch in Österreich profitieren bereits Studierende und Schüler an verschiedenen Bildungseinrichtungen von den kostenlosen Red-Hat-Academy-Kursen, und wir freuen uns, noch mehr Studierenden diese Möglichkeit zu bieten. Global gesehen haben im vergangenen Jahr etwa 100.000 Studierende an über 1.000 Red Hat Academies von diesem Angebot profitiert und ihre Karrierechancen entscheidend verbessert. Österreich bietet hierfür großes Potenzial. Unser Ziel ist es, noch mehr heimischen Bildungseinrichtungen den kostenfreien Zugang zu ermöglichen, um den Nachwuchs optimal auf die realen Anforderungen des IT-Markts vorzubereiten.
Viele große IT-Unternehmen bieten ähnliche Angebote für Schüler:innen und Studierende – nicht zuletzt auch, um sie in gewisser Weise an ihr Ökosystem zu binden. Wie groß ist die Rolle, die solche Überlegungen spielen?
Die Red Hat Academy ist kein Gewinnprojekt, sondern eine strategische, langfristige Initiative zur Förderung von Chancengleichheit in der IT-Bildung. Über 90 Prozent der Fortune-500-Unternehmen nutzen Red-Hat-Lösungen, stehen jedoch vor der Herausforderung, qualifizierte Open-Source-Talente zu finden.
Als Marktführer sieht Red Hat es als seine Verantwortung, diese Qualifikationslücke zu schließen. Ziel ist es, das Akademieprogramm möglichst vielen Bildungseinrichtungen kostenlos zugänglich zu machen, das Ökosystem aus Kunden und Partnern mit gefragten Nachwuchskräften zu versorgen und die Zukunft der Open-Source-Technologien nachhaltig zu sichern.
Ergibt es in Zeiten von KI und Vibe Coding überhaupt noch Sinn zu lernen, wie man Software „von Hand“ entwickelt oder komplizierte Systemumgebungen bedient und wartet?
Ja, das Lernen von Grundlagen bleibt unverzichtbar. KI und Vibe Coding können zwar Code extrem schnell generieren, aber sie ersetzen kein tiefes Systemverständnis. Wer nicht weiß, wie Betriebssysteme, Netzwerke oder Cloud-Infrastrukturen im Kern funktionieren, kann KI-erzeugte Lösungen weder bewerten, absichern noch im Fehlerfall reparieren. Die Rolle der IT-Experten verschiebt sich vom reinen Codeschreiben hin zu Architektur, Troubleshooting und der Steuerung von KI-Systemen. Genau deshalb vermittelt die Red Hat Academy zeitlose Grundprinzipien und bindet gleichzeitig moderne KI-Technologien in die praxisnahe Ausbildung ein.
Würden Sie einem jungen Menschen aktuell noch zu einer Karriere in der IT raten? Oder vielleicht doch lieber dazu, Tischler, Elektriker oder Installateur zu werden?
Ja, absolut. Eine Karriere in der IT ist nach wie vor äußerst zukunftssicher – denn die IT ist gewissermaßen das Handwerk der digitalen Welt. Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, die Systeme nicht nur theoretisch begreifen, sondern praktisch beherrschen, konfigurieren und absichern können. Wer heute eine IT-Ausbildung wählt, die auf starke Grundlagen, praktische Hands-on-Erfahrung und anerkannte Industriestandards setzt, legt das Fundament für eine krisenfeste und hochgefragte Laufbahn. (RNF)
INFO-BOX
Zur Person
Sandra Moldoveanu ist Program-Managerin in der EMEA-Region bei Red Hat und verfügt über 13 Jahre Erfahrung in der IT-Branche in den Bereichen Business-Development, Vertrieb und Programmmanagement. In den vergangenen neun Jahren bei Red Hat hat sie den Ausbau der Open-Source-Bildungsinitiativen in der EMEA-Region maßgeblich vorangetrieben. Ursprünglich angetreten, um die Red Hat Academy – die zentrale Bildungsinitiative von Red Hat – für die EMEA-Region aufzubauen, hat Sandra Moldoveanu ein stetiges regionales Wachstum erzielt und tausenden Studierenden praxisrelevante Open-Source-Skillsets vermittelt. Mit einem Bachelor- und einem MBA-akkreditierten Masterabschluss sowie einem internationalen akademischen Hintergrund aus England, Deutschland und Frankreich, spricht sie fünf Sprachen und bringt eine globale Perspektive in ihre Arbeit ein. Ihre Leidenschaft gilt der Förderung der nächsten Generation von IT-Talenten und der Mission von Red Hat.