Ein diversifizierter Energiemix wird als entscheidend betrachtet, um Zuverlässigkeit und langfristige Resilienz sicherzustellen. © Magnific/hamsah/KI-generiert
Rekordinvestitionen in grüne Technologien, steigende Klimasorgen und der KI-Strombedarf: Das eine greift ins andere.
Während Unternehmen ihre Resilienz ausbauen, fordern Rechenzentren die Stromnetze heraus. Zwei Studien zeigen, wo die Hebel für die Zukunft liegen.
Immer stärkere Hitzewellen, Niedrigwasser und Waldbrände machen Klimarisiken für Unternehmen und Verbraucher konkreter. Die vierte Ausgabe der Studie „The Visionary CEO’s Guide to Sustainability“ der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company zeigt nun: Klimaanpassung entwickelt sich zum Billionenmarkt – und der richtige Investitionszeitpunkt zum Wettbewerbsfaktor.
Rekordinvestitionen in nachhaltige Technologien
Weltweit flossen 2025 insgesamt 2,4 Billionen US-Dollar in nachhaltige Technologien, mehr als je zuvor. Das zeigen Bain-Analysen auf Basis von Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) und der Climate Policy Initiative (CPI). In den vergangenen zehn Jahren investierten Unternehmen und Regierungen insgesamt rund 17 Billionen US-Dollar.
Doch nicht jede Investition zahlt sich aus: Bain hat für 37 nachhaltige Technologien verglichen, wie weit sie sich bis 2025 tatsächlich durchgesetzt haben und was zehn Jahre zuvor für diesen Zeitpunkt erwartet worden war. Lediglich Solarenergie, Batteriespeicher und Elektrofahrzeuge übertrafen die Erwartungen, 29 Technologien blieben dahinter zurück. Zudem konzentriert sich das Kapital stark: Knapp 90 Prozent der Investitionen flossen in nachhaltige Energie, Gebäude und Mobilität.
„Die Rekordinvestitionen rund um den Globus zeigen: Der Umbau hin zu nachhaltigeren Technologien schreitet weiter voran. Entscheidend ist aber, wo sich Technologien tatsächlich durchsetzen und wirtschaftlich skalieren lassen. Genau dorthin fließt das Kapital immer gezielter“, betont Bain-Partner Franz-Robert Klingan.
Wer rechtzeitig investiert, ist im Vorteil
Für Unternehmen wächst durch die zunehmenden Klimarisiken der Handlungsdruck. Analysen von Bain und dem Staatsfonds GIC zufolge könnte der weltweite Markt für Klimaanpassung dadurch von heute rund einer Billion auf 4,4 Billionen US-Dollar im Jahr 2050 wachsen. Relevant werden etwa Technologien zur Früherkennung von Klimarisiken, Lösungen zum Schutz von Anlagen und Infrastruktur sowie Maßnahmen, die Lieferketten widerstandsfähiger gegen Extremwetter machen. Dennoch können mehr als 30 Prozent der Unternehmen die finanziellen Folgen ihrer Klimarisiken bislang nicht beziffern.
Wie wichtig dabei der richtige Zeitpunkt für Investitionen ist, zeigt die Bain-Analyse von knapp 150.000 Anlagen in zwölf Branchen. So lassen sich etwa Solaranlagen bereits beim Neubau widerstandsfähiger gegen Klimarisiken auslegen und später vergleichsweise häufig modernisieren. In kapitalintensiven Branchen wie Stahl oder Zement bietet sich die Gelegenheit, Klimaresilienz bei einer ohnehin anstehenden Modernisierung mitzudenken, dagegen oft nur alle 25 bis 35 Jahre. Wer dieses Zeitfenster verpasst, kann sich damit für Jahrzehnte höhere Klimarisiken einhandeln.
Wie sich solche Investitionen auszahlen können, zeigt die Studie anhand des Beispiels BASF. Als das Niedrigwasser des Rheins 2018 den Schiffsverkehr einschränkte, entstanden dem Konzern Kosten von rund 280 Millionen US-Dollar. BASF investierte daraufhin unter anderem in Niedrigwasserschiffe, alternative Transportwege und Frühwarnsysteme. Als der Wasserstand 2022 erneut stark sank, reduzierten diese Maßnahmen sowohl die Zahl der Ausfalltage als auch die Transportkosten deutlich.
„Klimaanpassung wird jetzt zum Wettbewerbsfaktor“, resümiert Bain-Partner Klingan. „Wer resilienter aufgestellt ist als der Wettbewerb, schützt nicht nur Unternehmenswerte. Gerade in Krisenzeiten kann ein echter strategischer Vorteil entstehen.“
Extremwetter treibt Klimasorgen an
Auch bei Verbrauchern hinterlassen die Extremwetterereignisse Spuren. Erstmals seit drei Jahren steigt ihre Sorge um Umwelt und Klima wieder: 85 Prozent der Befragten sorgen sich um Umwelt und Klima, nach 79 Prozent im Vorjahr. Besonders stark beschäftigen sie Hitze, Überschwemmungen und Waldbrände. Für die Studie hat Bain 7.499 Verbraucher in den USA, Großbritannien, Italien, Brasilien und Indonesien befragt.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse: Nachhaltiges Verhalten wird nicht ausschließlich von der Sorge ums Klima getrieben. Fast die Hälfte der Konsumenten, denen das Thema nach eigener Aussage nicht wichtig ist, hat dennoch mindestens drei nachhaltige Gewohnheiten entwickelt. Sie reduzieren etwa ihren Energieverbrauch, um Geld zu sparen, oder essen weniger Fleisch, um gesünder zu leben.
„Für Unternehmen ist das eine wichtige Erkenntnis: Nachhaltigkeit allein verkauft noch kein Produkt“, erklärt Bain-Partner und Nachhaltigkeitsexperte Karl Strempel. „Besonders erfolgreich sind vielmehr Angebote, die Nachhaltigkeit mit weiteren Vorteilen für Verbraucher verbinden, etwa einem günstigeren Preis, gesundheitlichem Nutzen oder höherer Qualität.“ Das schlägt sich auch in der Zahlungsbereitschaft nieder. Für nachhaltige Produkte würden Verbraucher im Schnitt 18 Prozent mehr bezahlen. Kommt ein zusätzlicher Gesundheitsnutzen hinzu, steigt dieser Wert auf 24 Prozent.
Wird der Energiebedarf von KI überschätzt?
Auch KI spielt in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte eine immer größere Rolle. Gerade beim Ausbau von Rechenzentren wird intensiv über deren Energiebedarf diskutiert. Dabei offenbart der Bain-Report eine erhebliche Fehleinschätzung: Führungskräfte erwarten, dass KI in drei Jahren rund elf Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen wird, Verbraucher gehen sogar von 19 Prozent aus. Bain prognostiziert auf Basis aktueller Berechnungen dagegen einen Anteil von 0,7 Prozent. Damit überschätzen Führungskräfte den erwarteten Anteil um das Sechzehnfache, Verbraucher um das Siebenundzwanzigfache.
Zugleich könne – den Experten von Bain zufolge – der Einsatz von KI selbst den Energieverbrauch senken, etwa indem diese Anlagen und Produktionsprozesse effizienter steuert, Bedarfsprognosen optimiert oder Emissionen überwacht. Solche bereits heute bekannten Anwendungen könnten laut IEA bis 2035 den weltweiten Endenergieverbrauch um rund drei Prozent reduzieren. „Der steigende Energiebedarf von Rechenzentren ist eine reale Herausforderung. Der Anteil von KI am weltweiten Verbrauch wird aber deutlich überschätzt“, so Bain-Partner Klingan. „Entscheidend ist auch der Nettoeffekt von KI: Wie viel Energie kann sie an anderer Stelle einsparen?“
KI beschleunigt Stromnachfrage
Dass KI beim globalen Gesamtverbrauch oft überschätzt wird, heißt jedoch nicht, dass Entwarnung herrscht. Auf regionaler Ebene stellt der KI-Boom die Energieversorgung vor ganz neue Hürden – wie eine aktuelle Studie des Capgemini Research Institute belegt. Für die Untersuchung „AI meets the grid: Shaping the data center power play“ wurden mehr als 600 leitende Führungskräfte aus der Energiewirtschaft von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Millionen US-Dollar befragt.
Die Studie stellt die These auf, dass das rasante Wachstum KI-getriebener Rechenzentren nicht nur den Strombedarf erhöht, sondern auch die Vorhersage erheblich erschwert – mit weitreichenden Folgen für die Planung und Bereitstellung von Energiesystemen. Doch auch Capgemini sieht KI zugleich als Teil der Lösung des durch sie selbst verursachten Problems: Die Mehrheit der Führungskräfte erwartet, dass ihr Einsatz erhebliche Effizienz- und Produktivitätsgewinne ermöglicht.
Nachfrage, die vielleicht nie eintritt
Neben Wachstum ist Unsicherheit die größere Herausforderung. Energieversorger planen zunehmend für eine Nachfrage, die möglicherweise nie eintritt. Die Studie zeigt eine zunehmende Diskrepanz zwischen prognostizierter und tatsächlicher Nachfrage: 67 Prozent der Führungskräfte sprechen von „Phantom“-Lastanfragen von Rechenzentren, von denen etwa zwei von zehn nie realisiert werden. Dies verzerrt Prognosen und erhöht das Risiko sowohl von Über- als auch von Unterinvestitionen.
Diese Unsicherheit stellt Versorger vor ein erhebliches Dilemma bei der Kapitalallokation. Sie müssen entscheiden, wie viel Kapazität sie aufbauen und wo und wann sie in die Netzmodernisierung investieren, um künftige Nachfrage zu bedienen und Fehlinvestitionen zu vermeiden. Auch für Hyperscaler ist die Herausforderung erheblich: Sie müssen weitreichende Infrastrukturentscheidungen auf Basis unsicherer Prognosen, Netzverfügbarkeit und Anschlusszeiten treffen.
Darüber hinaus geben mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Versorger an, Schwierigkeiten zu haben, den künftigen Bedarf zuverlässig vorherzusagen, da sich Verbrauchsmuster durch KI weniger stabil und schwieriger modellierbar entwickeln. Entsprechend rechnen sie damit, dass Nachfragevolatilität zu einer zentralen Herausforderung für die Systemplanung und -steuerung wird. Zusätzlich erwarten 68 Prozent der Führungskräfte Versorgungsengpässe, da die Nachfrage durch Rechenzentren schneller wächst, als das Angebot ausgeweitet werden kann.
Die Situation wird durch die geografische Konzentration von Rechenzentren weiter verschärft, die lokale Netze erheblich belastet: Mehr als die Hälfte der Führungskräfte sieht Lastkonzentration als wesentliches Hindernis für eine stabile Versorgung. Große Cluster hoch verdichteter Anlagen führen zu lokalen Engpässen, die Netzstabilität und Investitionsplanung beeinträchtigen.
„KI transformiert Energiesysteme weit über das reine Nachfragewachstum hinaus. Sie macht strukturelle Engpässe bei Netzkapazitäten, Planung und Stromverfügbarkeit sichtbar und lässt die Nachfrage zugleich dynamischer und schwerer prognostizierbar werden“, erklärt Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende bei Capgemini Österreich. „Energieversorger übernehmen dabei eine Schlüsselrolle: Sie nutzen KI-gestützte Erkenntnisse, um Netz- und kundeneigene Ressourcen auszubalancieren, verfügbare Kapazitäten schneller zu erschließen und die nächste Wachstumsphase von Rechenzentren zu ermöglichen.“
KI in Doppelrolle
Laut der Capgemini-Studie wird der Stromverbrauch für Training und Nutzung von KI-Anwendungen in den nächsten drei bis fünf Jahren deutlich steigen – von derzeit 25 Prozent auf 60 Prozent des gesamten Strombedarfs von Rechenzentren – und damit andere IT-Workloads weitgehend verdrängen.
Gleichzeitig sehen Energieverantwortliche KI als entscheidenden Hebel für Netzplanung und Zuverlässigkeit: Rund sechs von zehn erwarten, dass fortschrittliche KI-Analysen Verbesserungen von über zehn Prozent bei der Reduzierung von Störungen, der operativen Produktivität sowie bei der Vermeidung und Behebung von Ausfällen ermöglichen.
Trotz dieser Potenziale ist die Einführung von KI bislang begrenzt: 45 Prozent nutzen derzeit KI zur Netzoptimierung, und nur 16 Prozent haben fortgeschrittene KI-gestützte Ansätze implementiert, etwa zur Optimierung von Stromflüssen, zur Stärkung der Resilienz oder zur Verbesserung der Echtzeitsystemsteuerung, um mit der steigenden Nachfrage Schritt zu halten.
Ein wesentlicher Engpass sind zudem die langen Bauzeiten für Netzinfrastruktur, die das rasante Nachfragewachstum durch KI-Rechenzentren ausbremsen. Capgemini zufolge unterstreicht das den dringenden Bedarf, die Netzmodernisierung mit KI und Klimatechnologien zu beschleunigen, um eine zuverlässige, bezahlbare und nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen.
Vor-Ort-Erzeugung treibt Umbruch voran
Angesichts von Netzengpässen und Verzögerungen setzen Rechenzentren zunehmend auf eigene Stromlösungen – nicht mehr nur als Backup, sondern als primäre Versorgung „behind-the-meter“ (BTM) oder in unmittelbarer Nähe. Fast drei von zehn geben an, bereits Vor-Ort-Stromlösungen einzusetzen, und 39 Prozent planen deren Einführung innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre. Mehr als sieben von zehn erwarten, dass diese Lösungen die Abhängigkeit vom Stromnetz innerhalb von fünf Jahren deutlich reduzieren.
Die Mehrheit (86 Prozent) sieht die Fähigkeit, unabhängig vom Netz zu agieren, als Wettbewerbsvorteil. Diese Entwicklung verändert die traditionelle Beziehung zwischen Energieversorgern und großen Energieverbrauchern grundlegend und schafft sowohl neue Chancen als auch neue Koordinationsanforderungen.
Diversifizierter Energiemix als Grundlage
Ein diversifizierter Energiemix wird als entscheidend betrachtet, um Zuverlässigkeit und langfristige Resilienz sicherzustellen. Gleichzeitig sind erneuerbare Energien allein derzeit noch nicht in der Lage, eine kontinuierliche Versorgung im großen Maßstab für Rechenzentren und KI-Workloads sicherzustellen – so die Einschätzung von 78 Prozent der Energie- und 73 Prozent der Rechenzentrumsverantwortlichen.
Beide Gruppen investieren daher aktiv in Batteriespeichersysteme (BESS), um Versorgungslücken zu überbrücken. Langfristige Lösungen wie Kernenergie (Small Modular Reactors) benötigen zudem Zeit für ihre Umsetzung. Daher sehen weltweit mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der Befragten Erdgas als kurzfristige Übergangslösung, bis erneuerbare Energien und Speichertechnologien ausreichend skalieren können – was jedoch wiederum Spannungen mit den Klimazielen mit sich bringt.
Die beiden Studien machen deutlich, dass am Ende eines ins andere greift: Klimawandel, Energiebedarf und künstliche Intelligenz sollten nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Um Engpässe zu vermeiden und Potenziale voll auszuschöpfen, braucht es künftig ein enges Zusammenspiel von Technologieanbietern, Energieversorgern und Industrie. Wer Investitionen in Klimaresilienz und grüne Technologien mit kluger Digitalisierung verknüpft, baut schon heute für die Wettbewerbsfähigkeit von morgen vor. (RNF)