»Fehler sind für mich kein Wert an sich. Entscheidend ist die Lernkurve. Wer Neues ausprobiert, muss bereit sein, Annahmen zu korrigieren und die nächste Entscheidung besser zu treffen.« © RNF
Nicht den Kopf in den Sand stecken: Thomas Kicker, CEO von Magenta, plädiert für mehr „digitalen Optimismus“ und den Mut, Neues auszuprobieren.
Aus der Steiermark nach Wien, von dort ins Silicon Valley und dann wieder zurück in die Heimat. So lässt sich der Karriereweg von Thomas Kicker, heute CEO des heimischen Mobilfunkers Magenta, sehr kurz zusammenfassen. Aber will man das „Big Picture“ sehen, dann braucht man Details.
Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Kicker in Graz. Schon sehr früh war er fasziniert von Wirtschaft und Technologie. Für das Studium fiel seine Wahl auf das erstere Themengebiet und er schrieb sich an der WU Wien ein. Seine Karriere startete er dann in der Beratung. Erst bei KPMG Consulting (heute Bearingpoint) in Wien und dann bei A.T. Kearney in München. Doch rasch ereilte ihn der Ruf der Telekombranche. So stieg der Wirtschaftswissenschaftler 2003 als Manager Strategy bei der damaligen T-Mobile Austria ein, wo er über mehr als zehn Jahre Stufe für Stufe der Karriereleiter erklomm, bis zur Position als Chief Commercial Officer.
„Danach wollte ich internationale Erfahrung sammeln und bin für die Deutsche Telekom ins Silicon Valley gegangen, um internationale Partnerschaften zu akquirieren“, erzählt Kicker. Das war 2016, und in seiner Zeit als Senior Vice President Group Innovation & Partnering des Mutterkonzerns etablierte er mehr als 50 solcher Partnerschaften in den USA, Europa und Asien.
Im Zentrum der digitalen Welt
Dieser besondere Ort, nicht weniger als das pulsierende Zentrum der digitalen Welt, hat Eindruck auf ihn gemacht: „Dort spürt man, wie schnell Innovation passiert und wie stark Technologie unsere Welt verändert. Das hat meinen Blick auf Digitalisierung geschärft: weg von reinen Produkten, hin zu Ökosystemen, Daten und KI.“
Seine nächsten Karriereschritte spiegeln das wider: 2019 startete er beim heute nicht unumstrittenen Datenanalyse-Pionier Palantir Technologies, wo er für Business Development und als Industry-Lead in Europa tätig war. Knapp drei Jahre später wechselte er als CCO zu dem in seiner Heimatstadt Graz und den USA ansässigen Unternehmen Blackshark.ai, das mit bahnbrechender 3D-Simulations-Technologie bei Giganten wie Microsoft oder Nvidia für Furore gesorgt hat, bevor er sich ab 2024 als CEO der Cyan AG mit KI-basierten Cybersecurity-Lösungen beschäftigte.
Diese Unternehmen hatten alle etwas gemeinsam: Sie bewegen sich am „Leading Edge“. „Die technologische Dynamik hat seither noch einmal stärker Fahrt aufgenommen, die Innovationszyklen werden immer kürzer“, sagt Kicker und ergänzt: „Da ist es oft wichtiger, zu den First Movern zu gehören, als vom Start weg hundertprozentige Perfektion zu liefern. Dieser Approach ist für gelernte Mitteleuropäer nicht immer einfach zu verstehen, aber er ist immens gehaltvoll.“
Bessere Entscheidungen treffen
Einen Unterschied zwischen Europa und dem Silicon Valley hat Kicker besonders deutlich erlebt: den Umgang mit Risiko und mit Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. „Dort wird weniger lange darüber gesprochen, dass etwas nicht funktioniert hat. Die interessantere Frage ist: Was weißt du heute, was du vorher nicht wusstest? Fehler sind für mich kein Wert an sich. Entscheidend ist die Lernkurve. Wer Neues ausprobiert, muss bereit sein, Annahmen zu korrigieren und die nächste Entscheidung besser zu treffen.“
Mit diesen Erfahrungen im Gepäck war er der ideale Kandidat, als Magenta auf der Suche nach einem neuen CEO war. Umso mehr, als ihn seine Faszination für Telekommunikation niemals losgelassen hat. Das spürt man in seinen Worten: „Telekommunikation ist die Lebensader unserer digitalen Gesellschaft. Auf ihr läuft fast alles, aber ohne sie läuft nichts. Im besten Fall bemerkt man sie gar nicht – weil sie einfach funktioniert. Genau das fasziniert mich daran: Unsere Netze verbinden Menschen, Unternehmen und Maschinen und schaffen damit die Voraussetzung für digitale Innovation.“ So stand seinem Comeback beim ehemaligen Arbeitgeber im August 2025 nichts im Wege.
Telekommunikation gehört zur kritischen Infrastruktur und bildet das Rückgrat der digitalen Gesellschaft. Dieser Verantwortung ist er sich bewusst: „Die Erwartungen an unsere Branche sind extrem hoch, denn von A wie Auto bis Z wie Zoom-Meeting läuft heute nichts mehr ohne eine ständig aufrechte Datenverbindung. Die Challenge besteht darin, diese hohe Komplexität zu managen und zeitgleich für die Kundinnen und Kunden alles möglichst einfach zu gestalten. Wir leisten hier als Komplettanbieter einen besonders wichtigen Beitrag, weil die Menschen mit unseren Produkten und Services die gesamte digitale Palette abdecken können.“
Schokolade & Datenvolumen
Abgesehen davon erfüllt man noch eine weitere Funktion: „Die Telekommunikationsbranche ist eine der größten Inflationsbremsen in unserem Land.“ So seien in Österreich nicht nur die Preise pro Gigabyte in den letzten zehn Jahren um 97 Prozent gefallen, sondern auch der Mobilfunk wäre deutlich günstiger geworden. Dazu stellt er einen interessanten Vergleich an: „Wenn ich das als Schokolade-Liebhaber auf den Punkt bringe, komme ich zu folgendem Schluss: Wenn sich Schokolade wie Datenvolumen entwickelt hätte, würde die Tafel heute ein Kilogramm statt 100 Gramm enthalten.“
Wo wir schon vom Essen sprechen: Wie sieht das Erfolgsrezept von Thomas Kicker aus? Wie schafft man es an die Spitze eines Milliardenunternehmens wie Magenta? „Ich glaube weniger an den perfekten Karriereplan als an Neugier und die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Einige meiner wichtigsten beruflichen Entscheidungen waren Schritte aus der Komfortzone – andere Branchenlogiken, andere Märkte, andere Perspektiven. Dazu kommen Menschen, die einem etwas zutrauen, gutes Timing und natürlich auch eine Portion Glück.“
Mehr digitaler Optimismus
Diese Offenheit und „Lust auf Innovation“ wünscht er sich auch im größeren Maßstab, wenn er für mehr „digitalen Optimismus“ in der Gesellschaft plädiert. Seine feste Überzeugung: „Wir dürfen trotz des raschen Wandels und der Unsicherheiten unserer Zeit nicht zaghaft sein und den Kopf in den Sand stecken. Denn Dynamik und Veränderung sind wie Wind: Wir können sie nicht kontrollieren, aber wir können lernen, die Segel richtig zu setzen und als Gesellschaft davon zu profitieren. Mit einem positiven und visionären Mindset wie diesem können wir Akzente setzen und die Digitalisierung zugunsten der Menschen in unserem Land gestalten. Und genau daran arbeiten wir jeden Tag.“ (RNF)
12 FRAGEN AN THOMAS KICKER
Was wollten Sie als Kind werden?
Fußballer. Aber da hat wohl leider das Talent gefehlt.
Was bedeutet Glück für Sie?
Wenn alle To-dos abgearbeitet, keine großen Probleme offen sind und ich ein Wochenende mit meiner Frau und Freunden genießen kann.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
„Chip War“ von Chris Miller. Ein sehr spannendes Buch. Es zeigt, wie eng Technologie, Wirtschaft und geopolitische Entwicklungen zusammenhängen. Ich versuche bei Tech-Literatur nicht nur die positiven Blickwinkel zu lesen, sondern auch kritische Texte wie „Empire of AI“ oder „Against the Machine“.
Welche Persönlichkeit inspiriert Sie?
Ich lasse mich eher von persönlichen Eigenschaften inspirieren als von einzelnen Persönlichkeiten – von Menschen, die interessiert bleiben, bodenständig sind und etwas bewegen. Ein einzelnes Vorbild ist mir persönlich zu wenig.
Gibt es ein Lebensmotto, das Sie verfolgen?
Keines. Die Welt ist so dynamisch und wechselhaft, dass ich mich lieber an meiner Neugier und Anpassungsfähigkeit orientiere als an einem starren Lebensmotto.
Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?
Es wäre spannend, kurzzeitig mal mit anderen Personen zu tauschen, um deren Blickwinkel zu sehen und sie besser zu verstehen – aber richtig tauschen möchte ich nicht.
Was war Ihr bisher größter Erfolg?
Der Sprung nach Amerika und dann zurück nach Europa.
Was ist das Verrückteste, das Sie je in ihrem Leben getan haben?
Verrücktes versuche ich zu vermeiden.
Worüber haben Sie zuletzt gelacht?
Gerade eben bei der letzten Frage.
Gibt es etwas, dass Sie schon immer ausprobieren wollten, sich bisher aber nicht getraut haben?
Auf den höchsten Berg der Welt zu gehen, ist eine im wahrsten Sinne atemberaubende Vorstellung für mich. Ich werde aber jetzt erst mal einen Aufstieg auf unseren höchsten Sendemast angehen.
Was motiviert Sie, tagtäglich aufzustehen?
Neugier. Und Interesse an Menschen und Themen.
Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie dann und warum?
Hund, ganz klar.
ZUR PERSON
Starkes „Comeback“
Thomas Kicker hat im August 2025 das Ruder bei Magenta Telekom übernommen. Zuvor war der gebürtige Grazer bereits von 2012 bis 2015 der CCO des Unternehmens. Kicker startete seine Karriere nach Abschluss seines WU-Studiums 1999 bei KPMG. 2003 wechselte er zu Magenta (damals T-Mobile Austria). 2016 holte ihn die Deutsche Telekom nach San Francisco, um strategische internationale Partnerschaften anzubahnen. Weitere Stationen führten ihn ab 2019 zu Palantir Technologies, Blackshark.ai und Cyan AG.