Viele Personen im Autismus-Spektrum haben in der Welt des Software-Testings "Superkräfte", wie besonders gute Mustererkennung und hohe Detailgenauigkeit. © Freepik
Recruiting-Systeme scheitern oft an neurodivergenten Profilen. Das, was wir im klassischen Interview als Defizit wahrnehmen, ist in der Welt des Software-Testings eine Superkraft.
Simon (28), HTL-Absolvent, findet keinen Job. Nicht, weil er zu wenig kann. Sondern weil er im autistischen Spektrum liegt. TestingPro, ein Programm von IT- Dienstleister Nagarro und Bildungsanbieter ETC, versucht, das zu ändern.
Simon (Name von der Redaktion geändert) hat einen analytischen Verstand, der Code-Strukturen nicht nur liest, sondern scannt. Er findet Fehler in Logikketten, an denen gestandene Senior-Entwickler verzweifeln. Doch Simon ist trotzdem seit zwei Jahren arbeitslos. Nicht, weil er fachlich scheitert, sondern weil er im Bewerbungsgespräch die falschen Signale sendet. Er blickt seinem Gegenüber nicht in die Augen, er zuckt beim Händeschütteln zurück und antwortet mit einer Detailtiefe, die Personaler als soziale Unbeholfenheit missverstehen. Simon ist Autist. Und er ist das Gesicht eines absurden Marktversagens in der österreichischen Wirtschaft. Während die heimische IT-Branche über 24.000 unbesetzte Stellen klagt und Softwaretester auf der Mangelberufsliste des AMS stehen, lassen wir eine Gruppe von Hochqualifizierten systematisch links liegen.
© APA/Schedl
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"Die besten Köpfe für die komplexesten Probleme sitzen oft genau dort, wo wir bisher nicht hingesehen haben – am Rand des Smalltalks, aber im Zentrum der Logik." Christoph Becker, CEO ETC
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Wenn man Pianisten über ihre Kochkünste auswählt
Das Problem liegt an einem Recruiting-System, das an neurodivergenten Profilen scheitert und sie aussortiert, statt sie zu verstehen. Rund 80 Prozent der etwa 88.000 Österreicherinnen und Österreicher im Autismus-Spektrum sind ohne Beschäftigung. Paradox, für eine Branche, die händeringend nach Präzision sucht. Unternehmen fordern "Teamfähigkeit" und "Kommunikationsstärke" in Stellenausschreibungen, was für Menschen im Spektrum jedoch wie eine Warntafel wirkt: Du passt hier nicht rein.
Dabei ist das, was wir im klassischen Interview als Defizit wahrnehmen, in der Welt des Software-Testings eine Superkraft. Während viele bei der repetitiven Code-Prüfung die Konzentration verlieren, können Menschen im Spektrum dort besonders lange fokussiert bleiben. Ihre Fähigkeit zur Mustererkennung, ihre hohe Detailgenauigkeit und ihre Resistenz gegenüber der Ermüdung bei Routineaufgaben sind keine bloßen "Soft Skills". Es sind handfeste wirtschaftliche Vermögenswerte.
80 Prozent finden durch TestingPro einen Job
Mit dem Programm "TestingPro" zeigen wir bei ETC gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Nagarro, wie man diese Barrieren einreißt. Dabei testen wir nicht, wie gut jemand über Fußball plaudern kann, sondern wie effizient er Bugs findet. Das Ergebnis ist eine Erfolgsquote von 80 Prozent. Acht von zehn Absolvent:innen unseres achtwöchigen Intensivkurses, der mit der internationalen ISTQB-Zertifizierung abschließt, landen in festen Arbeitsverhältnissen. Hannes Färberböck von Nagarro bringt es auf den Punkt: "Es geht darum, ein Ökosystem zu schaffen, das von der Auswahl über Training und Coaching bis hin zum Job-Matching reicht. Es ist kein soziales Projekt – sondern ein Beitrag zur Fachkräfteoffensive im Software-Testing."
Das Kernteam hinter TestingPro (v. l. n. r.): Markus Kalbhenn (ETC), Christoph Becker (ETC), Hannes Färberböck (Nagarro) und Helmut Pichler (Nagarro) © Philipp Grausam
Bewerbungen ab sofort möglich
Der nächste TestingPro-Durchgang startet im März 2026: zehn Plätze, tausende potenzielle Kandidat:innen. Das Potenzial ist riesig – doch es liegt an den Unternehmen, es endlich zu nutzen. Österreichs IT-Wirtschaft muss aufhören, den Fachkräftemangel nur zu beklagen, und stattdessen handeln. Wer weiterhin an überholten Auswahl- und Arbeitsmodellen festhält, ist selbst dafür verantwortlich, wertvolle neurodivergente Talente systematisch auszuschließen – und damit im internationalen Vergleich weiter zurückzufallen. Durch die Kooperation mit dem AMS und dem Sozialministeriumservice werden bis zu 90 Prozent der Ausbildungs- und Lohnkosten gefördert. Das finanzielle Risiko für Betriebe ist damit marginal, der Gewinn an Qualität hingegen massiv. Unternehmen wie das ARZ (Allgemeines Rechenzentrum) haben das längst erkannt. Dort integrieren sich TestingPro-Absolvent:innen nicht nur fachlich, sondern schärfen durch ihre klare Art der Kommunikation oft auch die Prozesse im gesamten Team.
Neurodiversität als strategischer Vorteil
Während Österreich noch in veralteten HR-Dogmen gefangen ist, setzen international schon viele Chefetagen auf neurodiverse Fachkräfte. Microsoft, SAP und EY haben bereits vor Jahren Neurodiversitätsprogramme gestartet. Das Unternehmen auticon beschäftigt weltweit über 600 Menschen, davon 81 Prozent im Spektrum. Die Kundenbefragungen sprechen eine eindeutige Sprache: 98 Prozent der Auftraggeber berichten von einem außergewöhnlichen Mehrwert. Solange wir Simon und Tausende andere nur nach ihrem Händedruck beurteilen, verlieren wir den Anschluss an eine digitalisierte Welt, die von Präzision lebt. Es wird Zeit, dass die IT-Wirtschaft aufwacht und erkennt: Die besten Köpfe für die komplexesten Probleme sitzen oft genau dort, wo wir bisher nicht hingesehen haben – am Rand des Smalltalks, aber im Zentrum der Logik. Simon wartet nicht auf Mitleid. Er wartet auf eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten gerecht wird. (CB)
Christoph Becker ist CEO des österreichischen Bildungsanbieters ETC.
Nähere Informationen finden Sie unter www.etc.at.