AK und ÖGB finden, Unternehmen könnten sich mehr um Lehrlinge bemühen © APA - Austria Presse Agentur

Gewerkschaft (ÖGB) und Arbeiterkammer (AK) beklagen eine größer werdende Lehrstellenlücke. Noch nie seien so wenige aufgenommen worden wie im Vorjahr. Klagen von Unternehmerseite über einen Fachkräftemangel passten nicht zum "schwachen Interesse der Firmen an Lehrlingen". Laut einer durch die Arbeitnehmervertreter beauftragten Lehrling-Umfrage spielten auch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung oft eine zu kleine Rolle, hieß es am Montag bei einer Pressekonferenz.

Laut AK und ÖGB haben die Unternehmen im Jahr 2025 einen historischen Tiefstand bei der Lehrausbildung erreicht. Sie nahmen 27.546 Jugendliche im ersten Lehrjahr auf. Das seien um 10.000 Lehrlinge weniger als vor 20 Jahren. Im Jahr 2005 habe es noch 37.588 Jugendliche im ersten Lehrjahr gegeben.

24.500 Lehrstellensuchende

Die Konsequenz laut Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern: 24.506 Jugendliche suchen derzeit eine Lehrstelle. Das seien "so viele wie schon lange nicht". Entweder sind sie beim Arbeitsmarktservice als lehrstellensuchend vorgemerkt oder sie besuchen eine durch das AMS organisierte Schulung bzw. machen eine überbetriebliche Ausbildung.

Den Lehrstellensuchenden stehen laut den Ergebnissen des "Lehrlingsmonitor", den ÖGB, AK und Gewerkschaftsjugend beim Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung beauftragt haben, 5.963 offene Lehrstellen gegenüber. Damit beide Seiten zusammenkommen, fordern ÖGB, AK und Gewerkschaftsjugend sowohl entsprechende Vermittlungsangebote als auch eine Bereitschaft seitens der Betriebe, "sich um die Jugendlichen zu bemühen". An der Bereitschaft vieler Betriebe, gute Ausbildung anzubieten, lasse sich durchaus zweifeln.

"Es braucht einen Ausbildungsfonds, in den jene Betriebe einzahlen, die zwar Lehrlinge ausbilden könnten, das aber nicht tun", forderte Laura Zandonella, die Chefin der Gewerkschaftsjugend beim Pressetermin im ÖGB-Hauptquartier in Wien. Wie AK-Präsidentin Renate Anderl und ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian betonte sie, dass es viele ordentliche Ausbildungsbetriebe gebe. "Es darf aber keine Toleranz für schwarze Schafe geben", forderte die Jung-Gewerkschafterin. Katzian merkte an die Firmen gerichtet an, dass "viele gut" seien, "aber es gibt etwas mehr als schwarze Schafe".

"Viele Betriebe zeigen, wie es geht", sagte Anderl. "Beim Reden über den Standort sollten sie aber nicht vergessen, dass eine sinkende Zahl an Ausbildungsbetrieben die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe nachhaltig schwächt."

Digitalisierung und KI

Beim Thema Wettbewerb spielt seit geraumer Weile die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) eine scheinbar immer gewichtigere Rolle und sind einfach nicht mehr aus dem (Berufs)-Alltag wegzudenken. Doch in die Lehrausbildungen eingeflossen scheint das Thema, das derzeit ja auch in der AHS-Ausbildung rund um möglicherweise weniger Latein debattiert wird, bisher noch nicht so recht zu sein. 44 Prozent der Lehrlinge stoßen im Berufsalltag eher in der Berufsschule auf Digitalisierungsthemen, 18 Prozent im Job, bei 27 Prozent ist der Wert ausgeglichen, 11 Prozent haben damit keine Berührungspunkte, sagt die Umfrage. Bei der KI haben 55 Prozent nie Anknüpfungspunkte. Freilich ist das ganze auch sehr abhängig vom Job, doch hineinspielen kann die Thematik praktisch überall.

Je größer die Betriebe, desto eher kommen Digitalisierung und KI für die Lehrlinge vor. ÖGB und AK fordern daher digitale Grundkompetenzen für alle Lehrlinge.

LAP-Reform gefordert

Die Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter fordern auch eine Reform der Lehrabschlussprüfung (LAP), die modernisiert und österreichweit vereinheitlicht und künftig auch öffentlich abgehalten gehöre. In der Mitte der Lehrzeit brauche es einen Kompetenzcheck um dank dieser Rückmeldung bei Schwächen nachzuschärfen und vor der LAP solle es eine zweiwöchige Freistellung geben.

IV: Brauchen unter anderen Punkten bessere Grundkompetenzen

"Ein Industrieunternehmen investiert rund 140.000 Euro pro Lehrling", ließ der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, in einer Reaktion wissen. Das sei "ein Betrag, der sich erst weit nach Lehrabschluss amortisiert", spielte er auf die große Wertschätzung der vielen Ausbildungsbetriebe gegenüber ihren Lehrlingen an. Dass die Anzahl der Lehrbetriebe zurückgehe - "rezessionsbedingt sogar in der Industrie" -, sei ein Fakt, dem man gemeinsam entgegenwirken müsse. In der Schule brauche es mehr und bessere Berufsorientierung und mehr Grundkompetenzen etwa durch eine Bildungspflicht bis 14 Jahre, so Neumayer in einer Aussendung sinngemäß. Dafür brauche es eine "finanzielle Absicherung der Lehrbetriebe als Ausbildungsinstitutionen. Gemeinsam mit den dann hoffentlich durchgängig qualitätsgesicherten und digitalisierten Berufsschulen kann die Lehrausbildung zu jenem Grundpfeiler werden, als den wir sie heute schon verstehen wollen", so der Arbeitgebervertreter.

WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger beklagte pauschale "Attacken" von ÖGB und AK auf die "engagierte Lehrbetriebe", die "auf das Schärfste zurückzuweisen" seien. Die geforderten Digitalisierungskompetenzen seien Teil einer Weiterentwicklung der Berufsbilder, die im Rahmen von Maßnahmen zur Adaption der Lehre im Regierungsprogramm festgeschrieben seien.