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Unter Spannung

NEW BUSINESS Innovations - NR.11, NOVEMBER 2026
Der österreichische Schaltanlagenbau steht vor unterschiedlichen Herausforderungen. © Adobe Stock/Sekai/KI-generiert

Steigende Kosten, anspruchsvollere Projekte und zunehmender ­Automatisierungsdruck prägen den Schaltanlagenbau.

Während einige ­Unternehmen gut ausgelastet sind, kämpfen andere mit verschobenen ­Investitionen und schwierigen Rahmenbedingungen.

Ein Schaltschrank ist längst mehr als ein Gehäuse mit elektrischen Komponenten. Hier laufen Energieversorgung, Steuerungstechnik und Kommunikation zusammen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Planung, Fertigung und Dokumentation. Schaltanlagen müssen technisch einwandfrei funktionieren, wirtschaftlich gefertigt und normgerecht geprüft werden. Wie unterschiedlich sich die aktuelle Situation darstellt, zeigen die Einschätzungen von vier österreichischen Schaltanlagenbauern.

Unterschiedliche Auftragslage
„Mit unserer aktuellen Auftragslage sind wir zufrieden. Wir sind in allen unseren Geschäftsbereichen gut ausgelastet und sehen weiterhin eine solide Nachfrage nach unseren Leistungen“, berichtet Josef Frühauf, Geschäftsführer von Frühauf Electric im niederösterreichischen St. Pölten. Investiert werde derzeit vor allem im Energiebereich. Als Vorteil sieht er die breite Aufstellung seines Unternehmens, das Kunden aus unterschiedlichen Branchen betreut. Deutlich zurückhaltender fällt die Einschätzung von Matthias Wesselowitsch, Geschäftsführer Vertrieb/QM bei Windisch Elektro Technik mit Sitz in Kirchberg an der Raab, aus. Er beschreibt eine verhaltene Wirtschaftslage, die durch steigende Rohstoff- und Materialkosten zusätzlich belastet wird.

Viele Industrieunternehmen würden ihre Investitionen auf das Notwendigste beschränken. Besonders deutlich spüre man die Zurückhaltung in der Automobilindustrie. Bessere Voraussetzungen sieht Wesselowitsch im Bereich erneuerbarer Energien. Auch Elisabeth Zottl, Bereichsleiterin Anlagen- & Schaltschrankbau bei Spörk Antriebssysteme aus Kottingbrunn, bezeichnet die Auftragslage als „durchwachsen“. Während einige Branchen stabil bleiben, würden andere Investitionen sehr vorsichtig prüfen und nach Dringlichkeit priorisieren.

Robert Hörtner, Geschäftsführer der in St. Valentin ansässigen Robert Hörtner GmbH (RHG), beobachtet insbesondere im Industrieanlagenbau eine hohe Volatilität. „Besonders im Industrieanlagenbau beobachten wir, dass bereits vorhandene Projekte laufend verschoben werden. Die geplanten Fertigstellungstermine bleiben jedoch häufig unverändert.“ Damit verkürzen sich die Zeitfenster für Planung, Materialbeschaffung und Fertigung.

Automatisierung und steigende ­Anforderungen
Neben der Marktsituation verändert sich auch die Art, wie Schaltanlagen entstehen. Die Digitalisierung beginnt bereits im Engineering und reicht über die Fertigung bis zur Prüfung und Dokumentation. Moderne Planungssysteme ermöglichen es, Stromlaufpläne, Stücklisten und Fertigungsdaten miteinander zu verknüpfen. Das reduziert doppelte Arbeitsschritte und schafft die Grundlage für automatisierte Abläufe. „Sowohl im Engineering und in der Planung als auch in der Fertigung sehen wir großes Potenzial, Prozesse stärker zu automatisieren“, erklärt Frühauf.

Ziel sei es, wiederkehrende Tätigkeiten zu vereinfachen und vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen der Kunden. Schaltanlagenbauer übernehmen zunehmend Aufgaben, die weit über die Fertigung nach vorgegebenen Plänen hinausgehen. Elisabeth Zottl bringt diese Entwicklung auf den Punkt: „Die Anfragekriterien werden zusehends komplexer und gehen in Richtung Projektierung – allerdings zu einem erwarteten Preis für einen herkömmlichen Schaltschrank.“ Hinzu kommen steigende Anforderungen an Prüfung und Dokumentation. Auch Matthias Wesselowitsch betont, dass automatisierte Fertigung, Transparenz und die Einhaltung technischer Normen heute wesentliche Voraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit sind.

Neue Märkte, neue Herausforderungen
Für international tätige Maschinen- und Anlagenbauer gewinnen unterschiedliche technische Standards an Bedeutung. So gelten für Schaltanlagen, die für den nordamerikanischen Markt bestimmt sind, andere Anforderungen als in Europa. Die RHG hat sich auf dieses Geschäftsfeld eingestellt. „Seit rund zwei Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit der Planung und Fertigung von Schaltanlagen nach UL-Standards für den amerikanischen Markt“, berichtet Hörtner.

Dafür waren zusätzliche Investitionen und die Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter notwendig. Gleichzeitig sei der Preisdruck in diesem Segment derzeit noch geringer als in anderen Bereichen. Generell erschweren steigende Materialpreise, kurzfristige Kostenänderungen und erneute Lieferprobleme die Kalkulation. Hörtner beobachtet zudem, dass Unternehmen aus Fernost zunehmend auch im Engineering auf den Markt drängen und damit den Wettbewerb verschärfen.

Fachkräfte und Know-how sichern
Trotz zunehmender Automatisierung bleibt der Schaltanlagenbau auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Allerdings bewerten die Unternehmen die Personalsituation unterschiedlich. Während Josef Frühauf den Fachkräftemangel als eine der größten Herausforderungen bezeichnet, steht er bei RHG derzeit weniger im Vordergrund. Elisabeth Zottl lenkt den Blick auf die zunehmende Wechselbereitschaft von Beschäftigten. „Daraus resultierend ergibt sich ein massiver, firmenspezifischer Know-how-Verlust bei allen Firmen, Lieferanten und Kunden“, warnt sie.

Digitale Dokumentation und standardisierte Prozesse können helfen, Wissen langfristig zu sichern. Für Matthias Wesselowitsch sind erfahrene und flexible Mitarbeiter:innen entscheidend, um die hohen Qualitätsanforderungen seiner Kunden erfüllen zu können. Seine Positionierung ist klar: „Um langfristig für unsere Kunden und Mitarbeiter bestehen zu können, wollen wir nicht die Billigsten sein, sondern die Besten.“ 

Die Einschätzungen zeigen: Der österreichische Schaltanlagenbau steht vor unterschiedlichen Herausforderungen. Gemeinsam ist den Unternehmen jedoch die Aufgabe, steigende technische Anforderungen mit wirtschaftlich tragfähigen Prozessen zu verbinden. Automatisierung, qualifizierte Fachkräfte und spezialisiertes Know-how werden dabei zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren. (BS)