Andrew Brown, Senior Vice President und Chief Revenue Officer des Open-Source-Spezialisten Red Hat, im Interview © RNF
KI-Strategie, digitale Souveränität und die Community: Andrew Brown von Red Hat im Gespräch über den technologischen Wandel und warum echte Leidenschaft und Zusammenhalt Treiber für den Erfolg sind.
Die Rolle von Open-Source-Software hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt: Was einst "Spielwiese" für Enthusiasten war, ist heute ein zentraler Innovationstreiber für Unternehmensinfrastrukturen – auch im Telekommunikationssektor. Andrew Brown hat diesen Umbruch hautnah miterlebt. Er war fast 30 Jahre bei IBM, bevor er 2023 zu Red Hat wechselte. Als Senior Vice President und Chief Revenue Officer des Open-Source-Spezialisten verantwortet er unter anderem den globalen Vertrieb und die Go-to-Market-Strategie in über 40 Ländern.
Im Interview mit NEW BUSINESS am Rande des diesjährigen Mobile World Congress in Barcelona sprach Brown unter anderem über digitale Souveränität, unterschiedliche Unternehmenskulturen sowie die Gemeinsamkeiten von Open-Source-Software und Fan-geführten Fußballvereinen.
Open Source ist heute ein Innovationstreiber, auch für Telekom-Infrastrukturen. Wie hat sich diese Rolle in den letzten Jahren gewandelt?
Die Bedeutung hat massiv zugenommen. Open Source bietet den Kunden – also den Telekom-Anbietern und Netzbetreibern – die Freiheit, flexibel zu agieren, und eröffnet ihnen Wahlmöglichkeiten. Sie können in Zusammenarbeit mit der Community längerfristige Strategien entwickeln. Daraus resultieren gemeinsame Plattformen, die eine erhebliche Beschleunigung von Innovationen ermöglichen.
In den vergangenen zwanzig Jahren ist Open Source „erwachsen“ geworden und hat sich im professionellen Bereich durchgesetzt. Wie sehr war Red Hat daran beteiligt?
Nun, man muss sich nur ansehen, dass wir in vielen Open-Source-Communities zu den aktivsten Beitragenden zählen – insbesondere in jenen Bereichen, in denen wir mit Linux, Kubernetes und Automatisierung aktiv sind. Wenn man diese drei großen Kategorien betrachtet – und inzwischen auch KI als vierte hinzunimmt –, dann gehören wir nach wie vor zu den weltweit führenden Mitgestaltern dieser Technologien.
Red Hat hat ein gutes Händchen bei der Auswahl und Weiterentwicklung von Technologien bewiesen, die sich im Unternehmenseinsatz bewähren. Worauf führen Sie das zurück?
Eine der großen Stärken von Red Hat ist unsere Rolle als Treiber des positiven Wandels. In der Zeit, von der Sie sprachen, suchte der Markt nach einer Alternative zu Windows auf der X86-Plattform. An diesem Punkt kam Linux ins Spiel. Red Hat hat es gehärtet und für den breiten Unternehmenseinsatz fit gemacht. Heute hat Linux im Bereich Enterprise-Server einen enormen Marktanteil. Wir schätzen uns glücklich, dass wir diesem Weg treu geblieben sind, um diesen Mehrwert zu bieten.
Dasselbe ist mit der Cloud und dem Bedarf an Kubernetes passiert. Wir haben uns früh für die Hybrid Cloud positioniert, weil wir sahen, dass es sowohl den Bedarf für Private Cloud als auch für Public Cloud geben würde, die interoperabel sein müssen. Workloads werden in die Public Cloud verschoben, um spezifische Dienste zu nutzen – gleichzeitig muss aber die Flexibilität gewahrt bleiben, diese jederzeit wieder zurückzuholen. Hierfür ist eine einheitliche Steuerungsebene unverzichtbar, ebenso wie konsistente Teams in Betrieb und Entwicklung. Dazu kommen die notwendigen Automatisierungen, für die Ansible steht.
Und genau das Gleiche tun wir jetzt mit Hybrid AI. Bei KI läuft es erstmalig umgekehrt: Man entwickelt zuerst in der Cloud, geht für die Produktion aber dann wieder ins eigene Rechenzentrum. Das ist faszinierend. Und warum tut man das? Weil man näher an seinen Daten sein will. Man möchte vielleicht eine Form von digitaler Souveränität wahren oder regulatorische Anforderungen erfüllen. Wir helfen dabei mit unseren OpenShift-KI-Funktionen.
Wie sehen Sie die Rolle von Red Hat – insbesondere mit Plattformen wie OpenShift – bei der Modernisierung von Telekommunikationsnetzen?
Aus der Netzwerkperspektive ist das Großartige an OpenShift, dass es eine einheitliche, Cloud-native und Software-definierte Plattform bietet. Im Grunde ermöglicht es die Transformation von einem reinen Telco hin zu einem technologiebasierten Cloud-Anbieter. Es ermöglicht einen operativ hocheffizienten Betrieb auf vier Ebenen: auf der Applikationsebene, der Container-Ebene, der Virtualisierungsebene und der KI-Ebene. Das Netzwerk wird durch die Plattform automatisiert, KI-gestützt und Hybrid-Multi-Cloud-fähig. Nicht jeder wird sein gesamtes Netzwerk in der Cloud betreiben. Teile werden On-Premise bleiben. Aber Anbieter können Dienste über Multi-Cloud-Umgebungen bereitstellen, und genau da bietet Red Hat ein differenziertes Wertversprechen.
Sie haben vorhin digitale Souveränität angesprochen. Bedeutet das für Red Hat vor allem Wahlfreiheit? Geht es also nicht um Grenzen oder Nationen, sondern primär um die Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Alternativen zu entscheiden? Wie stellen Sie das sicher?
Wenn Sie sich unsere Open Hybrid Cloud-Architektur ansehen: Es geht im Kern um drei Bereiche und darunter liegend um fünf zentrale Säulen. Die drei Hauptaspekte, die wir adressieren, sind Kontrolle, Transparenz und Resilienz innerhalb des Betriebs. Dazu kommt ein Support-Netzwerk, das die Flexibilität nicht einschränkt. Wenn man das sicherstellt, kann man die spezifischen Herausforderungen der Kunden lösen – seien es regulatorische Vorgaben wie DORA, die Integrität der Lieferkette oder geopolitische Risiken. Auch die Vermeidung eines Vendor Lock-in gegenüber proprietären Technologieanbietern ist ein wesentlicher Punkt. Das ist für fast jeden Kunden eine strategische Notwendigkeit.
Was trägt Red Hat dazu bei? Zunächst sorgt unser Open-Source-Modell für Transparenz und verifizierbare Integrität, um Risiken zu minimieren. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Hybrid-Cloud-Architektur. OpenShift bietet die Flexibilität, Workloads – einschließlich KI – konsistent überall zu betreiben. Es gilt das Prinzip: „Build once, deploy anywhere“, egal ob On-Premise, in Public Clouds oder bei Partnern.
Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf umfassende Sicherheit und Resilienz. Wir schützen kritische Infrastrukturen durch entsprechende Tools, Workload-Schutz und fortschrittliche Verschlüsselungsmethoden bis hin zur Quantenverschlüsselung, um die notwendige operative Resilienz zu ermöglichen. Dabei agieren wir nicht allein, sondern arbeiten mit einem lokalen Ökosystem aus Cloud-Anbietern, MSPs und Systemintegratoren zusammen, die dedizierten Support bieten. Wir haben in diesem Jahr auch eine EU-basierte Lösung für „Red Hat Confirmed Sovereign Support for European Union“ eingeführt. Schließlich ermöglichen wir mit „Red Hat AI“ souveräne KI-Innovationen. Das bedeutet, dass KI-Workloads unter lokaler Kontrolle erstellt und betrieben werden können, während Compliance und ethische Standards gewahrt bleiben.
Andrew Brown von Red Hat im Gespräch mit NEW BUSINESS beim Mobile World Congress 2026 in Barcelona.
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Jetzt ist Red Hat einerseits ein amerikanisches Unternehmen. Andererseits geht es um Open Source Software und Sie arbeiten mit lokalen Partnern zusammen. Wie werden Sie in diesem Zusammenhang von den Partnern und Kunden in Europa wahrgenommen? So, wie andere, große außereuropäische Softwareanbieter, die in der Kritik stehen?
Nein. Das liegt daran, dass wir beispielsweise keine kryptografischen Schlüssel unserer Kunden verwalten und auch keinen Zugriff auf deren Systeme haben. Man darf nicht vergessen: Da wir Open-Source-Anbieter sind, ist unsere gesamte Software im Grunde frei verfügbar. Letztendlich ist das, wofür wir Geld verlangen, unser Support. Das Besondere an unserer europäischen Souveränitätslösung ist auch, dass wir Menschen mit entsprechender Expertise bereitstellen, die buchstäblich an Ihrer Seite arbeiten. Sie sind im jeweiligen Land, sie sind in der EU. Sie nehmen keine Daten mit, und es werden keine Protokolle an uns übertragen. Wir arbeiten mit Ihren Logs, in Ihren Räumlichkeiten und mit Ihren Daten – genau dort, wo Sie uns brauchen. Wir ziehen daraus keinerlei Informationen ab. Wir bieten zwar auch einen „Follow-the-Sun“-Support rund um die Uhr an, haben aber zusätzlich diese dedizierte europäische Lösung mit europäischen Ressourcen, die direkt vor Ort unterstützen.
Ich nehme an, Sie haben auf dem Mobile World Congress viele Gespräche mit Kunden und Partnern geführt. Was sind die Themen, die die Leute aktuell bewegen?
Das ist sehr breit gefächert. Ich habe heute zum Beispiel mit einem Unternehmen über deren Souveränitätsanforderungen gesprochen. Sie bauen im Auftrag ihrer Regierung und für andere Kunden eine „Infrastructure-as-a-Service“-Lösung auf, um souveräne Lösungen bereitzustellen. Dabei ging es um Fragen wie: Wie können wir helfen? Wie weit sind wir bei „Quantum Safe“-Verschlüsselungen? Können wir KI-Modelle anbieten, die in ihrem Land zertifiziert sind?
Ein anderes, wirklich faszinierendes Gespräch hatte ich mit einem Partner zum Thema „Agentic AI“. Die Frage war, wie wir sie bei einer hybriden Mischung aus GPUs und Nicht-GPUs unterstützen können. Denn für das Modelltraining und die Inferenz braucht man natürlich GPUs, und vieles davon kann in der Cloud erledigt werden. Aber muss man das auch auf GPUs laufen lassen, wenn man es zurück ins eigene Rechenzentrum holt? Genau für diesen hybriden Mix aus Rechenleistung und KI ist Red Hat AI perfekt positioniert.
Außerdem habe ich ausführlich mit einem großen Telco-Anbieter über Multi-Cloud-Virtualisierung gesprochen. Sie wollen weg von einem gewissen Anbieter, dessen Preise sich verfünffacht haben, was sie vor eine große Herausforderung stellt. Sie benötigen Lösungen sowohl für das Netzwerk als auch für die Compute-Seite. Ein schönes Beispiel ist auch Telenor: Die betreiben mit uns eine „AI Factory“ und haben uns erneut bestätigt, wie erfolgreich das läuft. Wir helfen ihnen dabei, ihre KI tatsächlich in den produktiven Betrieb zu bringen.
Das ist eine ganze Menge KI.
KI, Virtualisierung, Souveränität – und ich hatte noch ein weiteres, wirklich interessantes Gespräch über das Thema Edge Computing. Wann ist ein Einzelhändler kein reiner Einzelhändler mehr? Dann, wenn eine Filiale gleichzeitig zum Rechenzentrum, zum Warenlager, zum Point-of-Sale und zur Private Cloud wird. Alles in einer einzigen Experience vereint – das war eine fantastische Diskussion. Das Spektrum ist also so breit wie tief.
Ich würde Sie gerne etwas zu Ihrer Person und dem Thema Unternehmenskultur fragen. Sie haben, wie ich gehört habe, fast drei Jahrzehnte bei IBM verbracht und dort bereits als Praktikant angefangen.
Ich bin mit dem Praktikum noch nicht ganz durch – ich warte immer noch darauf, dass ich bestehe. (lacht)
Was war für Sie persönlich der größte kulturelle Unterschied beim Wechsel zu Red Hat?
Bei Red Hat herrscht eine Kultur der Innovation, in der die beste Idee gewinnt. IBM wiederum bringt Strukturen mit, die sehr kraftvoll sind. Ich kenne kein Unternehmen in der Technologiebranche, das so alt ist wie IBM, weil es sich ständig neu definiert, neu positioniert und umstrukturiert. Beide haben einen starken Fokus auf dem Kundenerfolg als Gemeinsamkeit. In mancherlei Hinsicht sind die Unternehmen sich sehr ähnlich, aber eben doch anders – man muss beide Kulturen respektieren.
Ich hätte zum Abschluss noch eine Frage, die eher persönlicher Natur ist: Abseits der Technologie engagieren Sie sich im Vorstand der „Foundation of Hearts“, die den schottischen Fußballclub Heart of Midlothian unterstützt. Gibt es Parallelen zwischen dem Modell eines fan-geführten Vereins und den Prinzipien der Open-Source-Community?
Ja, die gibt es tatsächlich. Fan-geführte Vereine – die ja dem deutschen Modell sehr ähnlich sind – entstehen oft aus der Notwendigkeit heraus. Die „Hearts“ sind 2012 in die Zahlungsunfähigkeit geschlittert. Wenn wir uns damals nicht alle als Gemeinschaft zusammengetan hätten, gäbe es den Klub ihn heute nicht mehr. Die Foundation hat über achteinhalbtausend Mitglieder, die den Verein unterstützen. Seit 2012 sind so über 20 Millionen Pfund zusammengekommen. Es ist also eine Gemeinschaft, die zusammenkommt und einen Beitrag leistet. Also ja, ich sehe da absolut Parallelen. Es gibt zwar auch viele Unterschiede, aber die Gemeinsamkeit liegt in der Community, die sich zusammenschließt. Und die Leidenschaft dahinter – nun, Fußball ist pure Leidenschaft, und die „Hearts“ sind einfach mein Ding.
Was ist für Sie erfüllender – ein bedeutender Geschäftsabschluss für Red Hat oder ein Last-Minute-Sieg der „Hearts“?
Ich denke, beides ist auf seine Weise berauschend. Aber wissen Sie, ich unterstütze die Hearts seit 50 Jahren. Und zum jetzigen Zeitpunkt stehen wir an der Spitze der schottischen Liga. Wir liegen noch vor Celtic und den Rangers – das ist beispiellos. Sie momentan gewinnen zu sehen, hat für mich also wahrscheinlich ganz knapp die Nase vorn. Wir haben noch wenige Spiele vor uns und sind so nah am Gewinn der Meisterschaft wie seit 60 Jahren nicht mehr. Hoffen wir also das Beste! (RNF)
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