Russland verlagert den Krieg zunehmend auf die ukrainische Wirtschaft, sagt der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Kyjiw (Kiew), David Bachmann. Seit August habe die Zahl der Angriffe auf wirtschaftliche Ziele stark zugenommen. "Die Front ist eingefroren, und jetzt versucht man auf wirtschaftlicher Seite das Rückgrat zu brechen und Schäden zuzufügen, die dann in weiterer Folge die Ukraine zum Aufgeben zwingen", so Bachmann am Donnerstag. Auch österreichische Firmen seien betroffen.

Im Visier der russischen Angriffe seien einerseits die ukrainischen Häfen, über die sonst auch die wichtigen Agrarexporte abgewickelt werden, die rund die Hälfte der ukrainischen Ausfuhren ausmachen. So könnten heuer nur 40 Prozent der Lebensmittel- und Agrarproduktion exportiert werden wodurch auch die Preise und die Einnahmen fielen. Andererseits gibt es laut Bachmann nun auch gezielte Angriffe etwa auf die Metallindustrie. 90 Prozent der drei großen bestehenden Stahlwerke im Land seien zerstört. "Die Stahlindustrie ist nicht mehr existent."

Russlands Ziel sei es, die Wirtschaftsleistung und damit auch die Steuereinnahmen der Ukraine zu schmälern, damit der Westen mehr Gelder beisteuern muss, um das Land aufrechtzuerhalten, folgerte der Wirtschaftsdelegierte. Nach der russischen Invasion 2022 habe es zwar einen Einbruch bei der Wirtschaftsleistung gegeben, danach sei es aber rasch wieder bergauf gegangen. Nach einem BIP-Wachstum von 2 bis 3 Prozent in den vergangenen beiden Jahren dürfte die ukrainische Wirtschaft heuer aufgrund des Ausmaßes der Zerstörungen wieder schrumpfen, erwartet Bachmann.

Österreichische Firmen halten ukrainischem Markt die Treue

Der russische Angriffskrieg hinterlässt laut Bachmann auch zunehmend Spuren bei österreichischen Unternehmen in der Ukraine. Nach seinen Berechnungen wurden seit Kriegsbeginn rund 10 bis 15 Prozent der Anlagen österreichischer Firmen teilweise oder vollständig beschädigt. Die entstandenen Schäden beziffert er auf insgesamt 100 bis 200 Mio. Euro.

Zu einem immer wichtigeren Thema werden daher auch Versicherungen gegen Kriegsrisiken. In der Ukraine werde daran gearbeitet, Unternehmen durch bessere Versicherungsmöglichkeiten zu unterstützen. Dabei seien auch die österreichischen Versicherer UNIQA, Grazer Wechselseitige und Vienna Insurance Group stark vertreten und würden vom ukrainischen Wirtschaftsministerium immer wieder zu Beratungen diesbezüglich herangezogen.

Trotz zunehmender Kriegsschäden hielten die rund 200 vor Ort vertretenen österreichischen Niederlassungen dem Markt weitgehend die Treue. "Die Unternehmen ziehen sich nicht zurück. Sie reparieren, improvisieren und machen weiter", sagt Bachmann. Insgesamt sind 1.000 österreichische Unternehmen in der Ukraine aktiv und beschäftigen dort etwa 30.000 Menschen.

2025 exportierte Österreich Waren im Wert von mehr als 760 Mio. Euro in die Ukraine. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Exporte laut Wirtschaftskammer um mehr als 23 Prozent. Grund dafür sei der bereits laufende Wiederaufbau, bei dem auch österreichische Unternehmen Aufträge zur Wiederherstellung zerstörter Infrastruktur erhielten. Gefragt seien dabei unter anderem Baustoffe, Vormaterialien und technische Produkte. Setzt sich die Entwicklung der vergangenen Monate fort, dürfte Österreich 2026 erstmals mehr Waren in die Ukraine als nach Russland exportieren, hob Bachmann hervor.

Wirtschaftsalltag gestaltet sich zunehmend schwieriger

Der Wirtschaftsalltag gestaltet sich laut Bachmann, der seit rund einem Jahr Wirtschaftsdelegierter in Kyjiw ist, zunehmend schwieriger. Der Krieg sei mittlerweile auch in der West- und Zentralukraine stärker spürbar. Angriffe auf die Bahninfrastruktur erschwerten Reisen und Transporte innerhalb des Landes. Auch der Alltag in Kyjiw sei durch häufigere Drohnenangriffe und Bombardements, die nun auch tagsüber erfolgen, deutlich stärker eingeschränkt. Bachmann selbst lebt aus Sicherheitsgründen in einem Hotel, wo es einen Luftschutzkeller gibt, aber auch die Strom- und Wasserversorgung zumeist sichergestellt ist. Kriegsmüdigkeit mache sich in Gesprächen zwar bemerkbar, von Aufgeben sei aber niemals die Rede.

Im AußenwirtschaftsCenter der Wirtschaftskammer (WKÖ) in Kyjiw arbeiten sechs Personen. Sie stehen jährlich mit rund 500 österreichischen Unternehmen in Kontakt, die Geschäftsbeziehungen mit der Ukraine haben. Viele Anfragen sind dabei praktischer Natur, wie etwa unter Kriegsbedingungen Geschäfte abgewickelt werden können, das Reisen und die Logistik funktionieren und welche Möglichkeiten es für österreichische Unternehmen in der Ukraine gibt.

(APA)