Bei GemSort wird daran geforscht, wie der Altkleidersammlungsprozess künftig möglichst einfach, verständlich, motivierend und alltagstauglich gestaltet werden kann – für eine bessere Kreislaufwirtschaft. © AIT/Lisa Diamond
Mit einem neuen Sammelsystem, einer digitalen Begleit-App und aus Perspektive der Konsumenten gedacht, will das Forschungsprojekt GemSort die Alttextiliensammlung reformieren.
Seit 2025 müssen Textilien laut EU-Verordnung in allen Mitgliedsstaaten getrennt gesammelt werden. Nur saubere, wiederverwendbare Kleidung und Schuhe dürfen bei den Sammelstellen abgegeben werden. Vielfach werden aber aktuell auch verschmutzte Alttextilien oder Stoffreste in die Sammelcontainer eingeworfen. Ein weiteres großes Problem: Alttextilien landen nach wie vor oft im Restmüll.
Genau hier setzt das Projekt GemSort an, das von der FFG gefördert wird (Projektkoordinator: Profactor). Das GemSort-Forschungsteam entwickelt neue Konzepte für die Sammlung, Sortierung und Wiederverwendung von gebrauchten Textilien. Dazu werden neue Self-Service-Sammelstationen mit einer digitalen Begleitlösung entwickelt. Die technische Entwicklung wird durch einen nutzerzentrierten Forschungs- und Gestaltungsansatz ergänzt: „Im Mittelpunkt steht die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, ihre Kleidung entsprechend vorzubereiten, vorzusortieren und gegebenenfalls digital zu registrieren – und wie ein solcher Prozess möglichst einfach, verständlich, motivierend und alltagstauglich gestaltet werden kann“, betont Forscherin Lisa Diamond vom Center for Technology Experience des AIT Austrian Institute of Technology.
Für die Gestaltung zukünftiger Sammelsysteme ist insbesondere relevant, dass nachhaltiges Verhalten nicht auf eine einzelne Motivation reduziert werden kann. Bei der Entscheidung, Kleidung zu spenden, können prosoziale, ökologische, objektbezogene, normative, intrinsische und pragmatische Motive zusammenwirken. Gleichzeitig bestehen Barrieren, etwa wenn der Zustand oder Stil eines Kleidungsstücks eine Weitergabe erschwert oder wenn die Abgabe als zu aufwendig wahrgenommen wird. „Ein System, das eine höhere Qualität der Textilsammlung erreichen möchte, muss daher sowohl ökologische Zielsetzungen als auch die konkreten Handlungsvoraussetzungen der Nutzer berücksichtigen“, weiß Diamond.
Vorsortierung ist entscheidend
Eine besondere Bedeutung kommt in GemSort der Vorsortierung zu. Untersucht wird, in welchem Ausmaß die Menschen bereit sind, Kleidung vor der Abgabe nach Kategorien zu trennen und ausgewählte Kleidungsstücke über eine digitale Anwendung zu fotografieren sowie mit zusätzlichen Informationen zu versehen. Dadurch sollen Informationen über einzelne Textilien, etwa hochwertige Markenware, bereits früh im Sammelprozess verfügbar und die Voraussetzungen für eine gezieltere weitere Verarbeitung verbessert werden. Zusätzliche Anforderungen sind allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie verständlich, mit vertretbarem Aufwand umsetzbar und für die Leute nachvollziehbar sind.
Die digitale Begleitlösung soll deshalb mehrere Funktionen übernehmen. Neben der konkreten Unterstützung bei Vorsortierung und Registrierung sollen hier Informationsangebote, Erinnerungen, Feedback und unterschiedliche Anreizmechanismen angeboten werden. Informiert werden soll darüber, was mit einer Spende nach der Abgabe geschieht, enthalten sein sollen Rückmeldungen zur eigenen Spendenaktivität oder zur erzielten ökologischen Wirkung, Hinweise auf lokale Sammelaktionen sowie gemeinschaftliche Ziele und Challenges. Auch monetäre und soziale Anreize, wie Gutscheine oder die Möglichkeit, Vorteile innerhalb einer Spendengemeinschaft weiterzugeben oder Punkte für soziale Zwecke einzusetzen, werden von den Forschern als mögliche Gestaltungselemente evaluiert.
Einsatz von Gamification
Im Projekt wird untersucht, wie spielerische Elemente entlang des gesamten Prozesses der Textilabgabe eingesetzt werden können, um die Interaktion mit dem System ansprechend und unmittelbar erfahrbar zu gestalten. Dies umfasst sowohl digitale als auch physische Gestaltungselemente, die den Fortschritt sichtbar oder erlebbar machen, Rückmeldung geben, zu wiederholter Teilnahme motivieren oder individuelle und gemeinschaftliche Beiträge auf spielerische Weise hervorheben.
Neben der digitalen Interaktion setzt sich GemSort mit der Gestaltung der physischen Sammelstelle auseinander. Die Frage dabei ist, wie das Sammelsystem gestaltet sein muss, damit es bestmögliche Akzeptanz bei den Menschen findet und die Alttextiliensammlung komfortabel, rasch und simpel erfolgen kann. Welche Anforderungen sich daraus an die Gestaltung und Interaktion mit der Sammelstation selbst ergeben und welche Zugänge dabei sinnvoll sind und die Projektziele erfolgreich unterstützen, wird im Projekt gemeinsam mit den beteiligten Partnern untersucht.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Berücksichtigung unterschiedlicher Nutzergruppen. Alter, Haushaltssituation, Wohnumfeld, verfügbare Mobilitätsoptionen oder unterschiedliche digitale Kompetenzen müssen beachtet werden. Datenschutzbedenken oder der Zeitaufwand können wiederum die Bereitschaft zur digitalen Registrierung negativ beeinflussen. GemSort verfolgt einen diversitätssensiblen Ansatz, der unterschiedliche Bedürfnisse und Nutzungsvoraussetzungen bereits vom Start weg berücksichtigt.
Der Mensch als entscheidender Faktor
Die Ergebnisse des Projekts sollen über die konkrete Entwicklung einer Sammelstation oder App hinausgehen. GemSort soll Erkenntnisse darüber liefern, wie technische, physische und soziale Elemente eines Sammelsystems zusammenspielen müssen, damit eine qualitativ hochwertige Alttextiliensammlung tatsächlich umsetzbar ist. Für die Kreislaufwirtschaft ergibt sich eine Verschiebung des Fokus: Nicht erst die Sortierung und Verwertung nach der Sammlung sind entscheidend, sondern bereits das Verhalten der Menschen – und sie bestmöglich zu motivieren, nicht mehr gebrauchte oder gewollte Kleidung adäquat zu entsorgen.
GemSort verbindet durch einen integrativen, gesamtheitlichen Ansatz die technische Innovation mit der menschzentrierten Perspektive (bestmögliche User-Experience): Wichtig sind verständliche Prozesse, adäquate Sammelstellen sowie transparente Informationen und Sammelanreize für die Menschen. Das Projekt läuft bis Mai 2028. (RNF)
INFO-BOX
GemSort Projekt-Konsortium
Profactor, AIT Austrian Institute of Technology, EXARON, bluesource – mobile solutions, Caritas der Diözese Feldkirch, BT-Systems, Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, i-RED Infrarot Systeme, OÖ. Landes-Abfallverwertungsunternehmen, Montanuniversität Leoben, TU Wien. Weitere Informationen und alle Partner unter:
www.gemsort.at