Thomas Steirer ist CTO bei Nagarro. © Nagarro/Christian Dusek

Ein Gastbeitrag von Thomas Steirer, CTO beim Digitalisierungsberater Nagarro.

Großevents wie der Eurovision Song Contest sind temporäre Hochleistungsökosysteme, deren Wirkungskreis jedoch weit über die singuläre Veranstaltung hinausgeht. Für Unternehmen lassen sich daraus einige Parallelen ziehen, denn derselbe Kultur-Shift findet heute in fast allen Branchen statt.

Betrachten wir zunächst das weiterentwickelte Geschäftsmodell in der Eventbranche: Veranstaltungen wie der ESC haben sich längst zu hochvernetzten Ökosystemen entwickelt, deren Wirkung weit über die eigentliche Event-Logistik hinausgeht. Rund um das Event entstehen Schnittstellen zur gesamten Reise- und Tourismusbranche – von Airlines über Hotellerie und Mobilität bis hin zu Telekommunikation und Verkehrssteuerung. Sind Unternehmen technologisch nicht anschlussfähig, können sie an der erweiterten Wertschöpfung der neuen Servicewelten nur eingeschränkt partizipieren. Es bildet sich eine Plattformlogik heraus, die zunehmend als selbstverständlich erlebt wird.

Kultur & Architektur der Veränderung
Die Erwartungen der Kund:innen und der umsetzenden Teams verändern sich mit den technologischen Möglichkeiten. Events starten jede Produkt- bzw. Servicereise neu – mit anderen Playern und fortwährender Anpassung, von der Planung über das Event bis zur Nachbereitung. Diese Arbeitsweise ist in produktgetriebenen Unternehmen eine neue, ungewohnte Qualität – ein Kulturshift, der einen anderen Zugang braucht.

Was bedeutet diese Dynamik konkret für die beteiligten Menschen? Großevents zeigen exemplarisch, wie essenziell Identitäts- und Zugriffsmanagement geworden sind. Wer darf wann auf welche Systeme, Bereiche oder Informationen zugreifen? Akkreditierungen, Rollenmodelle und Sicherheitszonen müssen hochflexibel organisiert werden und dabei maximal sicher bleiben. Im Unterschied zur klassischen Unternehmens-IT werden bei Großevents tausende Personen innerhalb kürzester Zeit in Systeme integriert, die sie zuvor nie genutzt haben.

Dadurch gestaltet sich auch die Kommunikationsebene grundlegend anders: Informationen werden gleichzeitig, kanalübergreifend und in Echtzeit an Publikum, Staff, Partner oder Medien ausgespielt. Dahinter stehen zentral orchestrierte Content- und Notification-Systeme, die Inhalte flexibel und konsistent über unterschiedlichste Plattformen verteilen.

Baukasten für viele Anlässe
Eine solche Anpassungsfähigkeit und Agilität entsteht durch neue Architekturprinzipien. Technisch können wir das etwa über modulare Baukästen realisieren. Neue Anforderungen bedeuten dann nicht mehr ein neues System, sondern ein neues Parameter-Set innerhalb einer bestehenden Struktur.

Ein Baukasten ist dabei weniger ein Tool-Set als vielmehr eine Designphilosophie. Er verlangt hohe Disziplin im Softwaredesign: Schnittstellen sind wichtiger als einzelne Features. Jeder Baustein muss eigenständig funktionieren und gleichzeitig Teil eines größeren Gesamtsystems bleiben. Resilienz entsteht dadurch, dass einzelne Komponenten austauschbar bleiben und Störungen nicht das gesamte System lahmlegen. Ein Problem im Catering darf nicht die Akkreditierung beeinträchtigen – genauso wenig wie ein Ausfall einen Produktions- oder Vertriebsprozess stoppen darf.

Zentral dafür ist ein gemeinsames Datenmodell für alle Beteiligten. Alle greifen auf dieselbe Informationsbasis zu – von Zeitplänen über Kapazitäten bis hin zu Statusinformationen. Ergänzt wird das durch Echtzeit-Monitoring und strukturierte Nachbereitung: Wo entstehen Engpässe? Welche Prozesse funktionieren? Welche Muster lassen sich für zukünftige Veranstaltungen ableiten? Kontinuierliche Feedbackschleifen machen adaptive Organisationen langfristig leistungsfähig.

Noch ein wichtiger Punkt: Der Baukasten hat keinen Wert, wenn die Teile nicht zusammenpassen. Erfolgreiche Systeme definieren zuerst ihre Schnittstellen und erst danach die konkrete technische Umsetzung. Auch im Eventbereich funktioniert Zusammenarbeit nur deshalb, weil vorab klar geregelt ist, welche Anforderungen erfüllt werden müssen und wie Systeme miteinander interagieren.

Ebenso wichtig ist, dass der Baukasten nicht von einzelnen Komponenten abhängig ist, sondern mit wechselnden Partnern, Technologien und Locations funktioniert. Modularität bedeutet immer auch Unabhängigkeit und Austauschbarkeit.

Und schließlich wird Dokumentation zum strategischen Bestandteil der Architektur. Denn ein System, das nur von seinen Entwickler:innen verstanden wird, ist nicht skalierbar. Dokumentation ist das institutionelle Gedächtnis einer Organisation.

Skalierbare Architekturen statt Monolithen
Technologisch stehen wir vor einem Paradigmenwechsel: weg von monolithischen Lösungen hin zu modularen, skalierbaren Architekturen. So wie Events, sollten auch Organisationen nicht isoliert planen, sondern zu adaptiven Systeme werden, die sich situativ erweitern, umbauen und in Echtzeit steuern lassen. Die passende Analogie ist weniger eine einzelne App als vielmehr das Zusammenspiel einer ganzen Stadt. Viele Systeme greifen parallel ineinander, obwohl sie unterschiedlichen Akteuren gehören.

Hier kommen Sensorik, Datenanalyse und Künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie ermöglichen es, Situationen frühzeitig zu erkennen, zu interpretieren und gezielt darauf zu reagieren. Das betrifft nicht nur Marketing und Vertrieb, sondern ebenso Sicherheit, Infrastruktur und Servicequalität. Peak-Situationen – seien es Ticketverkäufe, Besucherströme, Produkt-Launches oder Fördercalls – lassen sich heute simulieren und besser steuern. Dadurch wird die gesamte Customer Journey nicht nur effizienter, sondern auch robuster und individueller.

Digitalisierung und digitale Optimierung sind damit zentrale wirtschaftliche Hebel. Sie steigern nicht nur die operative Effizienz, sondern erweitern die Wertschöpfung deutlich über den einmaligen Produktverkauf hinaus. Daten werden zum langfristigen strategischen Asset: Wer seine Besucher- bzw. Kundenbeziehung digital denkt, kann Angebote über alle Phasen hinweg personalisieren und neue Erlösmodelle erschließen. Unternehmen entwickeln sich damit vom Anbieter einzelner Leistungen hin zu orchestrierenden Plattformen, die ganze Leistungsnetzwerke koordinieren.

Qualitativer Mehrwert über Zahlen hinaus
Neben wirtschaftlichen Effekten spielen qualitative Faktoren eine entscheidende Rolle. Sicherheit, Erlebnisqualität und Nachhaltigkeit sind heute zentrale Erfolgsfaktoren. Digitale Systeme ermöglichen es, Besucher intelligent zu lenken, Ressourcen effizienter einzusetzen und Risiken frühzeitig zu erkennen.

Gerade im Eventbereich ist Sicherheit heute eine grundlegende Betriebsbedingung. Großveranstaltungen erhalten keine Genehmigung ohne detaillierte Sicherheitskonzepte, klare Eskalationsketten und erprobte Krisenszenarien. In vielen Unternehmen hingegen wird Sicherheit noch immer nachgelagert behandelt. Security darf kein Add-on sein, sondern muss integraler Bestandteil jeder Produkt- und Serviceentwicklung werden.

Nicht die Technologie, sondern der Mensch ist in Sicherheitsfragen oft die größte Angriffsfläche – und gleichzeitig der am wenigsten adressierte Faktor. 

Erfolgreiche Eventorganisationen investieren stark in Awareness, klare Meldewege und trainierte Reaktionsmuster. Diese Prinzipien lassen sich direkt auf Cybersecurity übertragen.

Krisenmanagement muss geübt werden. Großevents simulieren Störungen, testen Eskalationsabläufe und trainieren den Ernstfall. Genau das unterscheidet resiliente Organisationen von jenen, die an einem Incident scheitern.

Fazit: Präzision ist kein Zufall
Was für Gäste und Konsument:innen im Idealfall wie ein reibungsloses Erlebnis wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis präzise orchestrierter IT-Systeme. Am Ende geht es um organisationale Lernfähigkeit. Digitale Plattformen schaffen Transparenz über Abläufe hinweg und ermöglichen es, aus jedem Ereignis strukturiert zu lernen. Wer in vernetzten Systemen denkt, Daten intelligent nutzt und seine Organisation kontinuierlich weiterentwickelt, schafft neue Grundlagen für nachhaltigen Erfolg. (TS)

Über den Autor
Thomas Steirer ist CTO bei Nagarro. Er unterstützt Unternehmen beim Aufbau skalierbarer, datengetriebener Systeme und verfügt über langjährige Erfahrung in Qualitätssicherung und Testautomatisierung. Sein Fokus liegt auf resilienten Architekturen und dem Einsatz von KI zur Effizienzsteigerung komplexer Prozesse.
https://www.nagarro.com
https://www.linkedin.com/in/meetthomas/