»Ich habe keines meiner vier Kinder in die Nachfolge eingeplant. Umso schöner war es für mich, dass sich Thomas von sich aus entschieden hat.« © HERMANN.BIO
Es geht um die Wurst – und den Pilz: Hermann und Thomas Neuburger führen einen Familienbetrieb mit mehr als 100 Jahren Tradition und frischen Ideen.
Wo Neuburger draufsteht, ist auch Neuburger drinnen. Und von Anfang an – seit mehr als hundert Jahren – steht auch immer ein Neuburger mit Überzeugung dahinter. Das ist wahrscheinlich eine der elementaren Zutaten des Erfolgsrezeptes des traditionsreichen österreichischen Familienbetriebs. Auch wenn in dieser Branche Rezepturen eigentlich als Betriebsgeheimnisse gehütet werden. Bekannt ist das Unternehmen unter anderem für seine gleichnamige ikonische Wurstware, die man niemals mit „schnödem“ Leberkäse in einen Topf werfen sollte. Aber darüber hinaus wird schon seit Jahren mit neuen Ideen für Aufhorchen gesorgt, die eine auf Pilzen basierende Alternative zum Fleischkonsum bieten.
Es muss nicht immer Fleisch sein
Hermann Neuburger ist es zu verdanken, dass sich „der Neuburger“ weit über die Grenzen des im nördlichsten Zipfel des Mühlviertels liegenden Ulrichsbergs, wo Unternehmen und Familie beheimatet sind, einen Namen gemacht hat. „Da ich mit den Zukunftsaussichten einer kleinen ländlichen Fleischhauerei nicht zufrieden war, begann ich 1980, unser damals schon beliebtestes Produkt als österreichweiten Markenartikel aufzubauen. Als ich 1986 den Betrieb von meinem Vater übernahm, stellte ich die Produktion der übrigen Fleisch- und Wurstwaren ein und verpachtete das Detailgeschäft, um mich ganz auf den ‚Neuburger‘ zu konzentrieren. Es folgten eine starke Umsatzausweitung, ein Betriebsneubau und der Export nach Deutschland“, erzählt er. Doch etwas nagte an ihm: „Trotz dieser guten Entwicklung war ich nicht zufrieden und fragte mich immer öfter, ob es richtig ist, den Fleischkonsum noch weiter anzuheizen.“
Bis 2010 reifte ein Gedanke in ihm, den er dann in die Tat umzusetzen begann: der Wille, weiterhin hochwertige Nahrungsmittel erzeugen zu wollen – aber eben nicht mehr aus Fleisch. Das resultierte in einer Zeit der Recherche, vieler Asienreisen sowie einem fünfjährigen Entwicklungsprojekt, an dessen Ende ein Pilz stand: der Kräuterseitling. 2016 ging die Marke „Hermann fleischlos“ an den Start. „Die Entwicklung war sehr gut, bis uns die Pandemie und der Ukrainekrieg einbremsten und uns 2022 zum vorübergehenden Stopp zwangen“, schildert Hermann Neuburger. Doch er blieb überzeugt von der Idee. Mit einem geschärften Konzept und unter der Flagge „Hermann.Bio“ kam 2023 das vegetarische Fungi Pad auf den Markt – bewusst als Fleischalternative und nicht als Ersatz.
Pilzzüchter am zweiten Bildungsweg
Seit bereits rund zehn Jahren kann er auf tatkräftige Unterstützung bauen. Während Hermann Neuburger selbst – wie es früher üblich war – als ältester Sohn für die Unternehmensnachfolge bestimmt wurde, hat er seinem Nachwuchs alle Freiheiten gelassen: „Ich habe keines meiner vier Kinder in die Nachfolge eingeplant. Umso schöner war es für mich, dass sich Thomas von sich aus entschieden hat.“
Thomas Neuburger, wie sein Vater und Generationen vor ihm in Ulrichsberg aufgewachsen, stieg 2015 ins Familienunternehmen ein, beteiligte sich an der Entwicklung als „Pilzzüchter am zweiten Bildungsweg“, wie er mit einem Augenzwinkern verrät, und komplettierte 2017 die „Doppelspitze“ in der Geschäftsführung. Zuvor absolvierte er aber noch den „ersten Bildungsweg“, studierte Wirtschaft und Jus in Wien, war für einige Monate in Australien als Backpacker unterwegs und arbeitete in München.
Aufgegeben wird ein Brief
Das Vater-Sohn-Duo weist durchaus Gemeinsamkeiten auf. Befragt nach dem „Geheimnis seines Erfolgs“, antwortet etwa Hermann Neuburger: „Eine meiner guten Eigenschaften ist, etwas auf den Punkt zu bringen. Geholfen hat mir sicher auch meine Beharrlichkeit.“ Sohn Thomas pflichtet ihm bei: „Ein guter Bekannter von mir hat einmal gesagt: ‚Aufgegeben wird ein Brief.‘ Neben Beharrlichkeit muss man auch lösungsorientiert agieren, denn das einzig Beständige ist der Wandel!“ Zudem schätzen beide die mit dem Unternehmertum verbundene Freiheit, selbst gestalten zu können, sind sich der „Schattenseiten“ aber ebenfalls sehr bewusst. „Es bedarf auch der Bereitschaft, alles für den Betrieb zu geben“, sagt der Vater, und der Sohn ergänzt: „Ob man das in der eigenen Work-Life Balance alles unterbringt, wird aber nicht gefragt.“
Sagen Sie niemals …
Kreativität und die Lust auf Neues, das scheint den Neuburgers in die Wiege gelegt worden zu sein. Die Gedanken drehen sich etwa um eine vegane Variante des Fungi Pads, die aber genauso gut schmecken und trotzdem auf „Tricks“ und Zusatzstoffe herkömmlicher veganer Produkte verzichten soll, oder die Etablierung weiterer Geschäftsfelder, wie eine vegane Marke im preislichen Einstiegsbereich.
Was steht sonst noch auf dem Programm? „Das Boot in ruhige Gewässer zu führen. Danach gesund und dauerhaft wachsen, sowohl beim Umsatz als auch in der Organisation“, sagt Thomas Neuburger. Und beim Vater? „Mich langsam, aber kontinuierlich aus dem Spiel zu nehmen“, antwortet Hermann Neuburger. Aber Halt! Bevor es so weit ist, wollen – nein, müssen! – wir von ihm unbedingt noch eines wissen: Warum darf man zum Neuburger eigentlich niemals Leberkäse sagen? „Weil man auch zum Mercedes nicht Volkswagen sagt.“ Das mit dem „auf den Punkt bringen“ war offensichtlich nicht übertrieben. (RNF)
12 FRAGEN AN HERMANN UND THOMAS NEUBURGER
Was wollten Sie als Kind werden?
Hermann: Wie es damals üblich war, wurde ich als ältester Sohn für die Unternehmensnachfolge bestimmt.
Thomas: Vieles, aber das Leben geht seine eigenen Wege.
Was bedeutet Glück für Sie?
Hermann: Auf Kreta den Sonnenuntergang am Meer genießen.
Thomas: Gesund zu sein und keine Last zu spüren.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Hermann: „Vom Unsinn des Lebens“ von Amir Kassaei.
Thomas: Irgendein Buch von Reinhard Sprenger.
Welche Persönlichkeit inspiriert Sie?
Hermann: Unser Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der mit seiner Ruhe und Weisheit Österreich in schwierigen Zeiten gut geführt hat.
Thomas: Lhaka Sherpa – Ihre Ruhe und Beharrlichkeit hat sie zu einer weiblichen Ikone in der männerdominierten Welt des Extrembergsteigens werden lassen.
Gibt es ein Lebensmotto, das Sie verfolgen?
Hermann: Wo wir sind, ist vorn.
Thomas: Geht ned, gibt’s ned!
Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?
Hermann: Mit einem Musiker, der seine Gedanken und Emotionen über das Instrument artikulieren kann.
Thomas: Ich weiß nicht, ob ich überhaupt tauschen möchte …
Was war Ihr bisher größter Erfolg?
Hermann: Vom Fleisch zum Pilz zu kommen.
Thomas: Ich habe nicht einen großen Erfolg gehabt, es sind viele kleine „Siege“ am Weg, die wir schaffen durften, wie z. B. die Pilzzucht nach zwei Jahren stabil zu bekommen.
Was ist das Verrückteste, das Sie je in ihrem Leben getan haben?
Hermann: Mit einer Motocross-Beiwagenmaschine den Erzbergprolog gefahren zu haben.
Thomas: Alleine auf einer Rinderfarm irgendwo in Australien mit Tausenden halbwilden Rindern zu arbeiten.
Worüber haben Sie zuletzt gelacht?
Hermann: Über die Tagespresse.
Thomas: Eine politische Karikatur.
Gibt es etwas, dass Sie schon immer ausprobieren wollten, sich bisher aber nicht getraut haben?
Hermann: Da fällt mir nichts ein.
Thomas: Wenn mich etwas reizt, probiere ich es aus.
Was motiviert Sie, tagtäglich aufzustehen?
Hermann: Mein Lebensziel, das fleischlose Projekt zum Erfolg zu führen.
Thomas: Die Menschen vom Fleisch zum Pilz zu verführen.
Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie dann und warum?
Hermann: Stark wie ein Bär, schlau wie ein Fuchs, elegant wie eine Schwalbe.
Thomas: Treu wie ein Hund an der Seite.
ZUR PERSON
Father & Son
Hermann Neuburger absolvierte nach der Handelsschule erst eine Fleischerlehre, später eine Kochlehre und stieg dann als Fleischer in den elterlichen Betrieb ein. 1986 übernahm er diesen von seinem Vater, Hermann Neuburger senior, und entwickelte Unternehmensstrategie und Marke erfolgreich weiter. Heute leitet er gemeinsam mit seinem Sohn Thomas die Neuburger GmbH & Co. OG. sowie die Neuburger Fleischlos GmbH.
Thomas Neuburger studierte nach Abschluss des Gymnasiums Wirtschaftswissenschaften sowie Wirtschaftsrecht an der WU Wien und sammelte erste berufliche Erfahrungen während eines Praktikums in der Rechtsberatung sowie im Vertrieb eines Münchner Unternehmens. 2015 folgte der Einstieg in den Familienbetrieb.